Neben mir schläft ein junger Mann mit Tunnelohrringen und tätowierten Oberarmen. So entspannt möchte ich auch einmal sein am Flughafen.
Ich bin zu früh. Immer. Um etwa fünf Minuten, wenn ich Freunde treffe. Um zehn Minuten, wenn der Termin beruflich ist – oder ein Zahnarzt. Theaterstücke oder Kinobesuche? Eine gute Viertelstunde, vorausgesetzt ich habe schon Karten. Und wenn wir mit dem Zug verreisen, verlassen wir – darauf bestehe ich und daran haben sich auch alle Familienmitglieder gewöhnt – eine Stunde vor Abfahrt das Haus. Obwohl wir zum Bahnhof nur halb so lange brauchen. Es könnte ja schließlich die U-Bahn stecken bleiben. Der Ticket-Automat defekt sein. Eine Bombenwarnung geben. Oder wir könnten – und das ist wirklich passiert – auf halber Strecke draufkommen, dass der Beutel mit den Badesachen noch auf dem Bett liegt. „Ich hab dir doch gesagt, du sollst ihn einpacken!“ – „Hab' ich nicht gehört.“ – „Zweimal.“ – „Dann hab' ich es zweimal nicht gehört.“
Wir haben den Zug noch erwischt.
Am schlimmsten ist es, wenn ich fliege. Also nicht das Fliegen selbst. Die Stunden davor. Die erste Hürde ist der Flughafenbus. Ich habe ihn noch nie versäumt, aber möglich wäre es ja. Und er ist auch noch nie im Stau stecken geblieben. Aber Straßen sind unberechenbar. Was, wenn es vor dem Check-in-Schalter eine Schlange gibt bis zum nächsten Terminal? Wenn ich mich bei der Sicherheitskontrolle verdächtig mache, weil ich eine Nagelschere mit mir führe? Ich könnte den Pass vergessen, die Bordkarte liegen lassen, mich im Gate irren und dann durch den halben Flughafen hetzen müssen! So viele mögliche Verzögerungen, so viele Gefahren!
Aufruf zum Boarding. Wenn ich dann am Gate eintreffe, bin ich ob der Aufregung völlig erschöpft, aber obwohl ich um fünf Uhr aufgestanden bin und der Flieger erst in eineinhalb Stunden abhebt – kein Stau, keine Schlange, keine Bombendrohung – kann ich nicht schlafen. Ganz anders als der Mann mit den Tunnelohrringen und den tätowierten Oberarmen, der vor sich hin schnarcht und den Aufruf zum Boarding überhört. Einmal möchte ich auch so entspannt sein am Flughafen! Einmal nur 50 Minuten vor Abflug einchecken, gelassen durch den Duty Free Shop schlendern und mich dann ausrufen lassen, wie eine Kollegin neulich, die dann noch gegrinst hat: Ist ja alles gut gegangen!
Und sie hat recht! Rechnete ich alle Sekunden, Minuten, Stunden zusammen, die ich gewartet habe, weil ich zu früh dran war, und stellte ich dem all jene Sekunden, Minuten, Stunden gegenüber, die es meine Kollegin gekostet hat, Flüge, Züge und Termine zu verpassen – sie hätte die Zahlen auf ihrer Seite.
Den jungen Mann habe ich übrigens rechtzeitig zum Boarding aufgeweckt. Ich bilde mir ein, er war mir dankbar.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2018)