Türkei: Erdoğan will Bosporus-Kanal bauen

Im Wahlkampf wirbt Erdoğan damit, dass die neue Wasserstraße mit dem Suez- oder dem Panama-Kanal vergleichbar sein werde.
Im Wahlkampf wirbt Erdoğan damit, dass die neue Wasserstraße mit dem Suez- oder dem Panama-Kanal vergleichbar sein werde.(c) REUTERS (OSMAN ORSAL)

Im Fall seiner Wiederwahl als Präsident plant Recep Tayyip Erdoğan ein Infrastrukturprojekt, um den Bosporus zu entlasten. Umweltschützer sind kritisch.

Istanbul. Noch grasen nahe dem Küstenort Karaburun bei Istanbul Wasserbüffel auf den Wiesen, doch wenn Recep Tayyip Erdoğan kommende Woche als Präsident wiedergewählt wird, ist dieses Idyll bedroht. Der Staatschef wirbt im Wahlkampf für den Bau eines riesigen Schifffahrtskanals zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmara-Meer, um den Bosporus zu entlasten.

Doch Umweltschützer sind entsetzt, und auch viele Anwohner teilen nicht seinen Enthusiasmus für das riesige Infrastrukturprojekt. Selbst in der Istanbuler Kammer für Stadtplanung ist man kritisch und sieht eine ernste Bedrohung der Landwirtschaft. Der riesige Kanal würde die Wasserversorgung der Stadt gefährden und eines der letzten Waldgebiete bei Istanbul von der Größe von 20.000 Fußballfeldern zerstören, heißt es. Ohnehin gibt es kaum noch Grünflächen in der Bosporus-Metropole, deren Einwohnerzahl seit 1945 von etwa 1,5 auf 15 Millionen explodiert ist.

Seit seinem Amtsantritt vor 15 Jahren hat Erdoğan die Infrastruktur in der Türkei stark ausgebaut. Allein in Istanbul wurde eine neue Bosporus-Brücke errichtet sowie Bahn- und Straßentunnel unter der Meerenge zwischen Europa und Asien gegraben. Derzeit wird nahe der geplanten Mündung des Kanals am Schwarzen Meer ein riesiger neuer Flughafen errichtet. Der „Kanal Istanbul“ ist aber das bisher ehrgeizigste Projekt Erdoğans.

 

Vergleich mit Suez und Panama

Im Wahlkampf wirbt Erdoğan damit, dass die neue Wasserstraße mit dem Suez- oder dem Panama-Kanal vergleichbar sein werde. Der Kanal soll den Bosporus entlasten, der eine der geschäftigsten Seestraßen der Welt ist und auf dem es immer wieder zu Schiffsunglücken kommt. Mit einer Kapazität von 160 Schiffen pro Tag würde der neue Kanal auch die Wartezeiten für Schiffe reduzieren, die oft tagelang vor Istanbul ausharren müssen.

Umweltschützer warnen allerdings, dass die verstärkte Wasserzufuhr aus dem Schwarzen Meer das fragile Ökosystem im Marmara-Meer schädigen werde. Ökonomen fragen zudem, ob der milliardenteure Kanal jemals die immensen Baukosten wieder einspielen kann, wenn Schiffe umsonst den Bosporus benutzen können. Auch sicherheitspolitisch hätte das Projekt Konsequenzen, da es Istanbul zur Insel machen würde.

Der Oppositionskandidat Muharrem Ince von der CHP hat das Projekt „Kanal Istanbul“ daher auch als Milliardengrab bezeichnet und angekündigt, es im Fall eines Siegs bei der Präsidentschaftswahl am 24. Juni einzustampfen. (AFP)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2018)