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Audi-Chef Stadler in Untersuchungshaft

Audi-Chef Rupert Stadler wurde festgenommen. Die Haftprüfung läuft
Audi-Chef Rupert Stadler wurde festgenommen. Die Haftprüfung läuftAFP (CHRISTOF STACHE)
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Paukenschlag im VW-Abgasskandal: Audi-Chef Rupert Stadler wurde wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft genommen.

Erdbeben bei der VW-Tochter Audi: Vorstandschef Rupert Stadler sitzt als erster Manager aus der obersten Führungsriege im Dieselskandal in Untersuchungshaft. Der 55-Jährige, der Audi seit 2007 führt, wurde am Montagmorgen zuhause in Ingolstadt festgenommen, wie die Münchner Staatsanwaltschaft mitteilte. Es bestehe Verdunkelungsgefahr. Diesen Haftgrund führt die Justiz an, wenn sie befürchtet, dass Verdächtige Beweismittel vernichten oder Zeugen beeinflussen wollen. Stadler soll spätestens am Mittwoch vernommen werden, sagte ein Justizsprecher. In Ingolstadt und Wolfsburg schlug die Nachricht ein wie eine Bombe: Der Audi-Chef wurde nur wenige Stunden vor einer regulären Sitzung des VW-Aufsichtsrates verhaftet, bei der auch seine Zukunft Thema sein sollte.

Erst vor einer Woche waren die Ermittler bei Stadler und einem weiteren Audi-Vorstand zuhause zur Razzia angerückt. Den beiden Spitzenmanagern wird unter anderem Betrug zur Last gelegt. Sie sind die ersten amtierenden Vorstände unter den Beschuldigten. Seither steht Stadler noch stärker im Feuer als in den vergangenen gut zweieinhalb Jahren seit Bekanntwerden der Abgasaffäre ohnehin. Dem Manager wird auch intern eine schleppende Aufarbeitung des Skandals vorgehalten, obwohl Audi als Keimzelle der Abgasschummeleien gilt. Stadler hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Sein Anwalt lehnte am Montag eine Stellungnahme ab.

Volkswagen und Audi erklärten, für Stadler gelte weiterhin die Unschuldsvermutung. Ein Sprecher des VW-Eigners Porsche SE sagte: "Es ist klar, dass sich der VW-Aufsichtsrat mit dem Thema beschäftigen wird." Weil die Eigentümerfamilien Porsche und Piech bisher ihre schützende Hand über ihn hielten, überstand Stadler in der Vergangenheit mehrere Scherbengerichte. Der Bayer, der seit 1990 bei Audi arbeitet, war lange Jahre Büroleiter des früheren VW-Chefs Ferdinand Piech. Zudem führte er die Marke mit den vier Ringen einst von Rekord zu Rekord und machte sie - neben Porsche - zu einer der ertragreichsten Töchter im VW-Konzern. Fünf Razzien, zwei wegen des Skandals vor die Tür gesetzte Entwicklungschefs und eine lange Reihe von Negativschlagzeilen sorgten aber für tiefe Kratzer an Stadlers Image.

 

"Vollkommen überrascht"

Fassungslos äußerten sich am Montag Insider aus dem VW-Konzern. "Das ist der Hammer." Man sei "vollkommen überrascht", hieß es. Stadler selbst sei bei seiner Verhaftung überrascht, aber gefasst gewesen, sagte eine Person mit Kenntnis der Vorgänge. Bei der Ermittlungsrichterin, die die Untersuchungshaft angeordnet hatte, machte der Audi-Chef keine Angaben zur Sache, wie Oberstaatsanwalt Stephan Necknig sagte. Stadler wolle sich vor einer Vernehmung erst mit seinem Anwalt beraten. Die Verteidigung habe bisher noch keine Erklärungen abgegeben. Der Justizsprecher sagte weiter, der Haftbefehl gegen den Audi-Chef gehe nicht auf einen Wunsch der US-Behörden zurück. Es gehe um europäische Fahrzeuge. Stadler wird vorgeworfen, Diesel-Autos mit manipulierter Software weiter auf den europäischen Markt gebracht zu haben.

"Die Verhaftung ist ein weiterer Tiefpunkt in der VW-Dieselsaga", schrieb Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Evercore ISI. "Warum haben die Aufsichtsräte von Audi und VW nicht früher etwas unternommen?" Über Stadlers unmittelbar bevorstehende Ablösung wurde seit Bekanntwerden des Dieselskandals immer wieder öffentlich spekuliert. Belastbare Hinweise für ein Fehlverhalten des Audi-Chefs lagen allerdings Insidern zufolge bislang nicht vor. Auch in der vergangenen Woche hätten die hausinternen Juristen keine neuen Entwicklungen gesehen. Einen Rücktritt lehnte Stadler in der Vergangenheit ab.

 

Zweiter Topanager in U-Haft

Neben Stadler sitzt als Beschuldigter auch ein ehemaliger Chef der Audi-Motorenentwicklung und Porsche-Entwicklungsvorstand in Untersuchungshaft. Er war im September 2017 verhaftet worden. Einer seiner früheren Mitarbeiter bei Audi in Neckarsulm war nach mehreren Monaten Untersuchungshaft im November 2017 wieder freigekommen.

Audi soll in den USA und Europa von 2009 an rund 220.000 Dieselautos mit Schummelsoftware verkauft haben. Seit Ende 2015 hatten sechs Audi-Vorstände ihren Hut nehmen müssen. Gegen Stadler waren immer wieder Rücktrittforderungen laut geworden.

Die Nachricht platzte unmittelbar vor einer regulären Aufsichtsratssitzung von Volkswagen in Wolfsburg, bei der der Stand der Ermittlungen in dem Dieselskandal erneut Thema sein wollte. Vor einer Woche erst hatte die Staatsanwaltschaft München die Privatwohnung von Stadler und eines weiteren aktiven Audi-Vorstands durchsucht. Den beiden Managern wird Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung zur Last gelegt. Dabei geht es um den Vorwurf, dass Dieselfahrzeuge mit manipulierter Software auf den europäischen Markt gebracht wurden.

Für Volkswagen-Chef Herbert Diess werden die Ermittlungen gegen Stadler zusehends zu einem Problem. Denn er setzt bisher beim Umbau des Wolfsburger Mehr-Markenkonzerns auf den Audi-Chef. Stadler leitet die wichtige Premiumgruppe der Wolfsburger mit der Marke Audi an der Spitze. Über seine bevorstehende Ablösung als Vorstandschef in Ingolstadt wurde in der Vergangenheit mehrfach in Medien spekuliert. Belastbare Hinweise für ein Fehlverhalten Stadlers lagen allerdings Insidern zufolge bislang nicht vor. Einen Rücktritt lehnte der langjährige Audi-Manager in der Vergangenheit ab. Bisher hatten die Familien Porsche und Piech Stadler trotz aller Kritik Stadler im Amt gehalten.

 

Milliarden-Bußgeld für VW

Im VW-Dieselskandal ließ bereits die Staatsanwaltschaft Braunschweig die Muskeln spielen. Sie verhängte in der Vorwoche wegen der millionenfachen Abgasmanipulation ein Bußgeld von einer Milliarde Euro gegen den Wolfsburger Autobauer und machte zugleich deutlich, dass heuer weitere Entscheidungen zu erwarten seien.

So könnten die Ermittlungen gegen VW-Manager wegen Marktmanipulation noch in diesem Jahr abgeschlossen werden, kündigte Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe  an. Der Behörde sei es bei der Höhe des Bußgeldes auch darauf angekommen, ein Signal zu setzen. "Das ist eben nicht Portokasse für VW, das tut schon richtig weh."

Fast drei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals nahm damit die juristische Aufarbeitung auch in Deutschland Fahrt auf. In den USA, wo die Manipulation der Abgaswerte 2015 aufgedeckt wurde, musste VW bereits 25,8 Milliarden Euro an Strafen, Kunden-Entschädigungen und weiteren Wiedergutmachungen zahlen. Zusammen mit dem Bußgeld aus Braunschweig summieren sich die Kosten des Skandals somit auf knapp 27 Milliarden Euro. Wegen sprudelnder Gewinne kann Volkswagen auch solche Summen bisher verkraften. Doch am Ende könnte es noch dicker kommen. Denn Großinvestoren und Anleger werfen Volkswagen vor, sie zu spät über die Abgasmanipulation informiert zu haben und fordern milliardenschweren Ersatz für ihre Kursverluste. Außerdem sind in Deutschland noch tausende von Schadenersatzklagen verärgerter Diesel-Kunden anhängig.

Insgesamt ermitteln die Braunschweiger Strafverfolger gegen 49 Beschuldigte wegen unterschiedlicher Vorwürfe. Ihre Kollegen in München haben 20 Namen in den Akten.

Noch-Audi-Chef Rupert Stadler

Er gilt als ehrgeizig und bodenständig - Rupert Stadler, der Vorstandsvorsitzende der Audi AG in Ingolstadt. Der 55 Jahre alte Manager steht seit Anfang 2007 an der Spitze der VW-Tochter, seit 2010 sitzt er zudem im Konzernvorstand von Volkswagen. Seine Karriere verlief steil.

Geboren wurde Stadler am 17. März 1963 im oberbayerischen Titting. Als Sohn eines Landwirts wuchs er in der Region nördlich von Ingolstadt auf. An der Fachhochschule Augsburg studierte er Betriebswirtschaft. Nach seinem Abschluss als Diplom-Betriebswirt arbeitete er zunächst beim Elektro- und Gesundheitskonzern Philips in Nürnberg.

Im Jahr 1990 wechselte Stadler zu Audi. Auf Stationen im Controlling in Ingolstadt und drei Jahren als Kaufmännischer Geschäftsführer bei Volkswagen-Audi in Spanien folgte ab 1997 der Karrieresprung: die Leitung des Büros des VW-Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piech. Mitglied des Audi-Vorstands wurde Stadler 2003. Nach dem Aufstieg des damaligen Audi-Chefs Martin Winterkorn zum VW-Konzernchef wurde er als erster Nicht-Ingenieur 2007 Audi-Chef.

Dem Druck des Alltags entflieht der Manager am liebsten auf dem Mountainbike. Ihm sei wichtig, dass er sich ab und zu ein paar Stunden Auszeit nehme, sagte er. Dazu gehört auch Fußball. Stadler gehört dem Aufsichtsrat des FC Bayern an.

 

(APA/dpa/Reuters)