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Françoise Schein: Die Menschenrechtskünstlerin

Françoise Schein vor der Tafel, die nun mindestens fünf Jahre am Platz der Menschenrechte steht. Und die genutzt werden soll – zum Essen, Sitzen, Diskutieren.
Françoise Schein vor der Tafel, die nun mindestens fünf Jahre am Platz der Menschenrechte steht. Und die genutzt werden soll – zum Essen, Sitzen, Diskutieren.(c) Akos Burg
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Françoise Schein hat am Platz der Menschenrechte einen neuen Ort der Zusammenkunft geschaffen: eine lange Tafel – auf der einiges zu entdecken ist.

Wien hat einen neuen Ort der Zusammenkunft: eine lange Tafel inmitten eines Fragezeichens am Platz der Menschenrechte – dort, wo die Mariahilferstraße auf das Museumsquartier trifft –, auf der es auch einiges zu entdecken gibt. „Es war für mich klar, dass ich das Thema der Menschenrechte mit einem simplen, alltäglichen Gegenstand verbinden will“, sagt Françoise Schein (65), die den Wettbewerb zur Gestaltung des Platzes gewonnen hat: „Ein Tisch und Bänke: Das ist universell.“

Universell ist auch das, was sich auf dem für 64 Personen per Siebdruck gedeckten Tisch findet: die 30 Artikel der UNO-Menschenrechtskonvention, jeweils in Deutsch und in Englisch, außerdem eine stilisierte Abbildung der Donau, die die Städte verbindet, die sich international für Menschenrechte engagieren und Zitate zur Geschichte der Grundrechte, angefangen in der Antike mit Alkidamas („Gott hat alle frei geschaffen, und keinen hat die Natur zum Sklaven bestimmt.“)

Dass gerade Schein den Platz gestaltet – angestoßen vom Verein Kunst im Öffentlichen Raum und von der Bezirksvertretung Neubau –, überrascht nicht wirklich: Seit fast 30 Jahren hat sie sich mit künstlerischen Mitteln der Verbreitung der Menschenrechte in der Welt verschrieben. „Das ist natürlich ein etwas verrücktes Vorhaben“, sagt sie und lacht. „Das sollte ja eigentlich die UNO tun.“ Angefangen hat alles mit dem 200. Jubiläum der französischen Revolution 1989. Damals schlug Schein – gebürtige Belgierin, die nach Jahren in New York in Paris lebt –, der Pariser Stadtregierung ein Projekt vor: ein Kunstwerk in der U-Bahn.

Seitdem ist das ganze Gewölbe der U-Bahnstation Concorde mit Buchstaben versehen, insgesamt rund 44.000 – die Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Revolution, freilich ohne Leerstellen, ohne Punkt und ohne Komma. Auf den ersten Blick ein Meer von Buchstaben. „Wenn man drei Minuten auf die U-Bahn wartet, bemerkt man, dass da ein Wort ist, noch eines“, sagt Schein. Und dass es sich auszahlt, dranzubleiben, auch im übertragenen Sinn. „Demokratie braucht Anstrengung, man muss sie lernen wie das Lesen, und immer wieder neu lernen.“

Mittlerweile hat Schein sechs weitere U-Bahnstationen gestaltet – in Brüssel, Berlin, Lissabon oder Rio de Janeiro. Ganz bewusst: „Die U-Bahn ist der demokratischste Ort in einer Stadt. Und das ist der Ort, wo ich Kunst verorten will“, sagt sie. Viele, vor allem ärmere Menschen, würden sich überhaupt gar nicht in ein Museum trauen. Und außerdem habe der Untergrund auch eine symbolische Komponente: „Er ist das Fundament, auf dem die Stadt steht.“

 

„Alles wird am Tisch entschieden“

Auch Tafeln, die jener in Wien ähneln, hat Schein, mit anderen Themen, bereits in anderen Städten gestaltet. Ergeben hat sich das einst aus dem Abschluss eines Kunstprojekts in Les Mureaux, einem kleinen Ort bei Paris. „Was passiert, wenn wir zusammen am Tisch sitzen?“, sei die zentrale Frage gewesen. Und diese Frage spiele – wenn auch im Kontext Menschenrechte – ebenso in Wien eine Rolle. An einen Tisch setze man sich, um zu essen, aber natürlich auch, um zu diskutieren, sagt Schein. „Alles, von den einfachsten alltäglichen Sachen bis zu den großen, bedeutenden Diskussionen, also bis zur Weltpolitik, wird an einem Tisch entschieden.“

Und eine lange Tafel im öffentlichen Raum lädt natürlich auch zur Nutzung ein. „Ich mag dieses Format, weil die Leute das nutzen. Sie werden sehen, dass sich sofort Leute hinsetzen werden“, sagt Schein, während im Hintergrund der Tisch und die Bänke aufgebaut werden. „Hier werden die Leute ihr Sandwich essen – und dann werden sie draufkommen, dass es an dem Tisch auch noch eine inhaltliche Komponente gibt.“

Zur Person

Françoise Schein (65) hat den Platz der Menschenrechte beim Museumsquartier auf Initiative des Bezirks Neubau und des Vereins Kunst im Öffentlichen Raum gestaltet. Die Belgierin, die in Paris lebt, befasst sich seit knapp 30 Jahren künstlerisch mit Menschenrechten. Ihr erstes diesbezügliches Projekt war die Gestaltung der U-Bahnstation Concorde in Paris zum 200. Jahrestag der französischen Revolution. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Meer von Buchstaben, ist der Text der damaligen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2018)