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Bürokratie: "Müssen wir wirklich erklären, wie jemand mit einer Schere umgehen soll“

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Schere im Betrieb als Problem(c) imago/Westend61 (imago stock&people)
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Die heimischen Textilhändler stemmen sich gegen die ausufernde Bürokratisierung. Doch eine Studie zeigt, die Unternehmer haben das Gefühl, der Aufwand werde nicht weniger.

Die  Bürokratie lastet schwer auf den Betrieben im heimischen Modehandel mit 42.000 Beschäftigten. Immerhin ist die Branche nach dem Lebensmittelhandel die zweitgrößte Sparte im Einzelhandel des Landes. Zwischen 0,9 und 3,4 Mitarbeiter sind bei den Unternehmen ausschließlich mit bürokratischen Aufgaben beschäftigt, zeigt eine Studie der KMU Forschung Austria. „Die meisten Maßnahmen sind als Einzelpunkt für sich gesehen nicht schlimm, aber die Summe hat es in sich“, beschreibt Christian Kutsam vom Bundesgremium Modehandel in der Wirtschaftskammer Österreich die aktuelle Situation.

Zur Verdeutlichung zeigt Kutsam den Teilnehmern einer Pressekonferenz eine Flasche eines Reinigungsmittels, die einem privaten Haushalt problemlos in der Abstellkammer steht, im Unternehmen muss aber dafür ein Sicherheitsdatenblatt angelegt werden. Ein Aufwand, für den – falls er nicht geleistet wird- der Geschäftsführer haftet. Auch das Abfallwirtschaftskonzept, das Kutsam in seinem Modeunternehmen mit fünf Filialen braucht, ist ihm ein Dorn im Auge. Oder die Intrastat, mit der die Importe, die gerade im Modehandel das Geschäft überwiegen, aufgezeichnet werden müssen. Es reiche doch, wenn dies der Exporteur mache. „Seit acht Jahren liegt ein Antrag für die Vereinfachung im Parlament“, erklärt Modehändler Kutsam etwas resignierend.

Bekleidungsbranche stark unter Druck

Und dann erzählt er noch die Geschichte mit der Schere, mit der sich die Mitarbeiter eines Geschäftes verletzen könnten. Bei einem Evaluierungsgespräch mit dem Arbeitsinspektor blieb dieser ratlos zurück, weil im Unternehmen keine Gefahrenquelle geortet werden konnte. Um dann auf eine Schere zu stoßen, mit der man sich verletzen könne. „Jeder Haushalt birgt mehr Gefahren als ein Modegeschäft, Trotzdem gehen wir dort von mündigen Bürgern aus. Müssen wir im Unternehmen wirklich erklären, wie jemand mit einer Schere umgehen soll“, fragt Kutsam.

Christian Kutsam, Bundesgremium Modehandel in der Wirtschaftskammer Österreich(c) WKÖ/Bundesgremium Modehandel

Dabei hätte der Modehandel sehr wohl andere als bürokratische Aufgaben zu bewältigen. Der Online-Handel rückt den stationären Händlern immer stärker zu Leibe, zehn Prozent der Nachfrage im Bekleidungssektor entfalle mittlerweile auf das Internet, weiß Studienautor Peter Voithofer von der KMU Forschung. Der Umsatz der Branche – ohne Internet und den Bekleidungsumsatz in anderen Branchen wie Sport- oder Lebensmittelhandel – stagniert bei 5,3 Milliarden Euro. Die monatlichen Ausgaben für Bekleidung belaufen sich auf 67 Euro und sind rückläufig. Ein Umsatzminus im stationären Modehandel werde nur durch ein Plus in der Bevölkerungsentwicklung vermieden, warnt Voithofer. 50 Prozent der Unternehmen der Branche schreiben rote Zahlen, die Hälfte der Geschäfte mache weniger Umsatz als im Vorjahr.

Das sind für Kutsam von der Wirtschaftskammer genügend Argumente die Personal- und Geldresourcen mehr Richtung Kundenbetreuung zu richten als Bürokratieaufgaben zu erfüllen. Doch das Puzzle mit den anfangs 100 Teilen werde immer größer. Nun habe man es mittlerweile mit einem 1000-Teile-Puzzle zu tun, erklärt Kutsam die Realität. Und gerade kleine Unternehmen, die sich keine Fachleute leisten können, kommen unter Druck. Die Datenschutzgrundverordnung, die seit Mai 2018 in Kraft ist, nennt er als ein weiteres Beispiel für überbordende Bürokratie. Kaum einer weiß wie Kundendaten aus Datensicherungen zu löschen sind, aber es müsse gemacht werden. Auch wenn es die eine oder andere Verbesserung gebe, herrsche bei den Unternehmen das Gefühl vor, der Aufwand werde nicht weniger, klagt der Kämmerer.

Weitere KV-Vereinfachungen "ergebnisoffen"

Die Einigung zwischen Wirtschaftskammer und Gewerkschaft beim Kollektivvertrag in der Zuordnung von Mitarbeitern zu Beschäftigungsgruppen nennt Kutsam als positives Beispiel für Entbürokratisierung. Es gibt dadurch weniger Konfliktpotential zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten. Dennoch muss er zugeben, dass der große Wurf auch dort noch nicht gelungen sei. Die große Wissenschaft Zuschläge für Mehrarbeit und Überstunden im Handel, die enormes Expertenwissen erfordert und einen enormen Bürokratieaufwand bereitet, wurde in den Verhandlungen vertagt. Und eine Lösung steht in den Sternen. Seitens der Wirtschaftskammer wollte man sich nicht einmal auf einen möglichen Termin in den nächsten Jahren festlegen, der Ausgang „sei ergebnisoffen“ hieß es. Diesen Brocken mit einem Deal aus der Welt zu schaffen, sei nicht gelungen, gibt Kutsam zu.

Wobei eine Bürde auch in der eigenen Organisation liege, nämlich bei den kleinen Unternehmen, die zahlenmäßig eindeutig mehr Mitglieder stellen. Bei einem Händler mit einem einzigen Geschäft, der während der Woche um 18 Uhr und am Samstag um 12 Uhr sein Geschäft zusperrt, spiele die Zuschlagsproblematik keine Rolle. Bei den Filialisten, die 80 Prozent des Branchenumsatzes repräsentieren, sorge das hingegen für große Komplexität, versteht die WKÖ auch deren Anliegen. Im übrigen, der erste Versuch einer Vereinfachung des Kollektivvertrages wurde 1952 gestartet, erinnern sich nur mehr Wirtschaftshistoriker.

Die wirklichen Verbesserungspotentiale orten die Befragten der Studie besonders im Zusammenhang mit einer Reduzierung der Informations-, Melde- und Aufzeichnungspflichten. Eine weitere Möglichkeit der Entlastung sieht die Wirtschaftskammer im Beauftragtenwesen. Um den Zeitaufwand zu verringern, wird eine kombinierte Schulung für Ersthelfer, Sicherheitsvertrauenspersonen, Brandschutzbeauftragte und Abfallwirtschaftsbeauftragte angeregt. In ähnlicher Weise sollen auch die Prüftermine der unterschiedlichen Behörden zeitlich besser abgestimmt werden, um die Zeitaufwand für die Unternehmen zu minimieren.