Schnellauswahl
Stadtbild

Was ein Plakat an der Donau über unsere Zeit erzählt

Die Debatte zur Reform des Arbeitszeitgesetzes – und wie sie sich im öffentlichen Raum präsentiert.

Es muss ja nicht immer nur das Bleibende sein, das Bleibendes über uns erzählt. Manchmal weist uns gerade das Vergängliche darauf hin, was an Bleibendem dereinst über uns berichtet werden wird. Vergängliches wie ein Transparent, zu sehen dieser Tage am rechten Wiener Donauufer, zwischen Praterbrücke und U2. Dort steht seit Jahren ein mehrstockhoher Gerüstturm, auf dem mehrstockhohe Transparente in mehrwöchigem Wechsel allerlei Werbebotschaften ins Land werfen: vom neuesten und so noch nicht dagewesenen Automobilmodell bis zum jüngsten so noch nicht dagewesenen Blockbuster made in Hollywood.

Seit ein paar Wochen nun prangen daselbst Beteuerungen ganz anderer Art: „Der generelle 12-Stunden-Tag ist ein Märchen“. Oder: „Der generelle 8-Stunden-Tag bleibt erhalten“. Verantwortlich dafür: die Industriellenvereinigung. Was genau eine ernst zu nehmende Organisation dazu bestimmen mag, ihre Botschaften in eine lange Folge stets uneingelöster (und stets uneinlösbarer) Konsumversprechen einzureihen, sei dahingestellt. Viel aufschlussreicher ist der Ort, an dem sich so großformatige Aufklärung (oder das Gegenteil davon?) ereignet: Besagter Gerüstturm mit besagten Plakaten nämlich befindet sich direkt vor der ÖGB-Zentrale in Wien Leopoldstadt, von wo in Sachen vorgeschlagener Reform des Arbeitszeitgesetzes bekanntlich ziemlich genau das Gegenteil unters Volk gebracht wird.

Vielleicht wäre den Interessen der jeweiligen Interessenvertretenen besser mit Information als mit wechselseitigen Polemiken coram publico gedient. Und vielleicht sollte von Gesetzesvorschlägen auch mehr Verbindlichkeit zu erwarten sein als jenes je nach politischem Bedarf Deutbare, das alles möglich zu machen scheint – und das Gegenteil davon. Aber vielleicht müssten wir dazu an einem anderen Ort sein – oder in einer anderen Zeit.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2018)