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Kern auf Tour: 94 Bezirke in eineinhalb Jahren

Christian Kern
Christian Kern (Archivbild)Die Presse/Michèle Pauty
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In der Steiermark erfolgte der Start zur roten Stadt.Land.Zukunft-Tour. Mit dieser soll auch der lange Zeit vernachlässigte ländliche Raum beackert werden. Man werde das Land für eine Mehrheit brauchen, so SPÖ-Chef Kern.

Kalsdorf. SPÖ-Chef Christian Kern spricht Dialekt: „Wenn mei Oma vier Radln hätt, wär's a Autobus.“ Mit diesen Worten kommentiert „da Christian“, wie er hier genannt wird, das Versprechen der türkis-blauen Bundesregierung, dass der Zwölf-Stunden-Tag auf Freiwilligkeit der Arbeitnehmer beruht. „Das glaub i nicht“, sagt er und erhält im Café Rossini im steirischen Gleisdorf von den rund hundert Bürgern, die zum Townhall-Meeting gekommen sind, erstmals Applaus.

Christian Kern will wieder zu den Menschen hinaus. Und sich bürgernah zeigen. Deshalb ist in Gleisdorf am gestrigen Dienstag Startschuss für die Stadt.Land.Zukunft-Tour. In den nächsten eineinhalb Jahren will der Bundesparteichef alle 94 österreichischen Bezirke besuchen.

Kern wird also zumindest in dieser Hinsicht auf den Spuren des einstigen SPÖ-Chefs und Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer wandern. Gusenbauer, der nicht gerade für seine Volksnähe bekannt war, tourte im Sommer 2006 durch Österreich. „Wandern für die Wende“ nannten die Genossen das.

Nun wird für die Wende mit einem kleinen Tourbus durch Österreich gefahren. Mehr als 100 Veranstaltungen wird es geben. Die „veränderte politische Rolle“, wie Christian Kern die Opposition nennt, soll dafür genützt werden, die Partei neu aufzustellen – mit neuem Grundsatzprogramm und Parteireform. Es sei ein guter Zeitpunkt, so Kern, „nachzuholen, was vernachlässigt wurde“.

Damit war wohl (auch) der ländliche Raum gemeint. „Wenn wir die Mehrheit zurückhaben wollen, werden wir das Land wieder brauchen“, sagt Kern in einem Gasthof in Kalsdorf bei Graz. Deshalb wolle sich die SPÖ um kleinere und mittlere Gemeinden kümmern. Das hörten die Bürgermeister, mit denen er sich dann zu einem Mittagessen traf, gern. Sie sollen, wie es Kern etwas gehoben formulierte, zu „wichtigen Bündnispartnern“ werden.

Im Café Rossini schlug Kern andere Töne an. Da rutschte ihm ein „Oida!“ heraus, und da sprach er von „hirnlosen Forderungen“ der türkis-blauen Regierung. Diese hat der SPÖ zum Auftakt der Österreich-Tour ein Thema auf dem Silbertablett serviert: den, wie Kern es formulierte, „überfallsartig eingeführten“ Zwölf-Stunden-Tag. Der dominierte den ersten Tourtag. „Da werden wir die Regierung nicht mehr vom Haken lassen“, versprach Kern den Genossen.

Die Meinung von Millionen von Arbeitnehmern sei für die Regierung „irrelevant“. ÖVP und FPÖ hätten bei der Ankündigung gelogen, „dass sich die Balken biegen“. Die Vorhaben würde „,massive Auswirkungen“ auf die Menschen haben – auf ihr „Geldbörserl, ihr Familienleben“.

Ganz im Gegensatz, wie Kern sagte, zu seinem Plan A. Zwar sei auch in diesem ein Zwölf-Stunden-Tag vorgesehen, aber mit „entscheidenden“ Unterschieden. „Wir hätten dafür gesorgt, dass Menschen auch ein Leben neben der Arbeit führen können.“ Neben Freizeitblocks und einer entsprechenden Bezahlung hätte die SPÖ auch die Kinderbetreuung ausgebaut. „Für heuer waren 52 Mio. Euro für die Kindergärten und 60 Mio. Euro für den Ausbau der Ganztagsschule budgetiert. Die Regierung hat dafür 1000 Euro vorgesehen“, sagt Kern. „A Wahnsinn“, hört man einen der Bürgermeister sagen. Das Thema emotionalisiert. Das Wort Generalstreik nahmen gestern weder Kern noch Bundesgeschäftsführer Max Lercher in den Mund. Sie wirkten auf Journalistennachfrage allerdings nicht gänzlich abgeneigt.

Christian Kern selbst hatte an seinem ersten Tag der Österreich-Tour übrigens einen mehr als zwölfstündigen Tag. „Ich bin in einer privilegierten Situation, die das möglich macht. Ich muss keine Pflastersteine oder Pakete schleppen“, meinte der SPÖ-Chef. Verläuft alles nach Plan, wird er jene, die das tun (müssen), in den nächsten eineinhalb Jahren auf seiner Tour durchs Land treffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2018)