Gastkommentar

Sexualität, Macht und Missbrauch

Der Blick zurück auf das Geschehen in kirchlichen Institutionen und kommunalen Betreuungseinrichtungen macht zornig. In der Gegenwart ist Zuversicht möglich.

Warum nur? Jede Analyse sexuellen Missbrauchs muss von der Triebstruktur des Menschen ausgehen, die bestimmende Gewalt des Sexualtriebs kennen und mit den vielfältigen Formen seiner Befriedigung rechnen. In welcher Weise selbstbestimmte Individuen ihre Sexualität ausleben, ist ausschließlich deren Angelegenheit, solange nicht die Rechte anderer, vor allem Schwächerer, berührt werden.

Die Aufgabe des Staates besteht in dieser Schutzfunktion. Staatliche Organe sind durch die Garantie der unveräußerlichen Rechte seiner Bürgerinnen und Bürger und deren Schutz ethisch legitimiert. Die physische und psychische Integrität der Mitglieder einer Gesellschaft wird nicht allein durch moralische Empfehlungen erreicht. Sie ist mit konkreten Maßnahmen zu sichern. Dieser Anspruch ist in der Vergangenheit nicht oder nur unvollkommen verwirklicht worden.

Wo die Macht weniger Funktionsträger bei Abhängigen zu Angst und existenzieller Gefährdung führt, sind Formen sexualisierter Gewalt möglich, ja sogar wahrscheinlich. Das auszusprechen ist ein erster Schritt zur Prävention. Flache Hierarchien reduzieren die Wahrscheinlichkeit sexualisierter Gewalt. Machtmonopole begünstigen sie.

Die Verbindung von Macht und Erotik stellt eine allgegenwärtige Versuchung dar. Man braucht dazu nicht Marquis de Sade lesen oder an Harvey Weinstein denken. Ein Blick in die Weltliteratur, von Homer über die Königsdramen Shakespeares bis zum Romanschaffen der Gegenwart oder die Filme von Murnau bis David Lynch belegen das. Im virtuellen Raum ist die Kombination von Erotik und Gewalt allgegenwärtig. Sie wird im Internet millionenfach und mit sinkender Altersgrenze konsumiert.

 

Kommerzialisierte Empörung

Auch die Berichte von Informationsmedien über sexualisierte Gewalt folgen den Marktgesetzen: Sex sells. Die Auflagenhöhe bestimmt das Bewusstsein, die Zahl der Clickbaits entscheidet. Detailreiche Schilderungen, „Wie der Missbrauch wirklich geschah“, stillen ein Informationsbedürfnis. Gleichzeitig stimulieren sie wollüstige Empörung. Als Adolf Loos wegen des Vorwurfs unsittlicher Betätigung festgenommen wurde, schrieb Alfred Polgar: „Sofort nach Bekanntwerden der Verhaftung von Loos erfüllte ein Rauschen die Stadt. Es ist das Geräusch, das entsteht, wenn den Wienern das Wasser im Munde zusammenläuft.“ Wie das Sexualleben ist auch die Empörung über den Missbrauch kommerzialisiert worden.

Parallel zu den Medien sind auch in der politischen Arena besonnene Analysen Mangelware. Die Reaktionen der Volksvertreter erschöpfen sich meist in Drohungen und dem faktenwidrigen Glauben an die Wirksamkeit schärferer Strafen für Sexualdelikte. Die politische Berufung auf ein „natürliches Rechtsempfinden der Bevölkerung“ ebnet den Weg zum Vergeltungsdenken, das letztlich in Rache münden kann.

Das Mantra der Politik ist, wie auch in vielen Bereichen, ein reflexartiger Aktivismus. Präventionsmaßnahmen sind schwer zu erläutern, aber die Ankündigung schärferer Strafen führt zur Schlagzeile. Auf sie kommt es an: Mediales Säbelrasseln wird mit Schutz verwechselt. Die Stimme der Vernunft ist leise. Aufklärer sprechen selten mit Schaum vor dem Mund, Demagogen häufig. Letztere sind medial interessanter.

Das Panorama von Übergriffen auf schutzlose Kinder und Jugendliche geht über kirchliche Institutionen hinaus. Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche stehen, man denke nur an die Skandale in kommunalen Betreuungseinrichtungen, nicht allein da.

 

Kein Generalverdacht

Ganz offensichtlich waren diese Einrichtungen für Männer mit pädophilen Neigungen anziehend. Der Wunsch, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, mag in vielen Fällen ehrlich gemeint gewesen sein. Unbewusst versprach er die Befriedigung von Bedürfnissen. Sie konnten von Zärtlichkeit bis Sadismus reichen.

Wie der potenzielle Brandstifter feuernahe Berufe wählt, versprachen sich Männer in – früher weitgehend geschlossenen – Anstalten mit ausgeprägter hierarchischer Macht die Erfüllung latenter Wünsche. Das Bild des „kalt planenden Unholds“ ist unausrottbar und irreführend. Anders als in der landläufigen Vorstellungswelt entsprechen sie selten dem Stereotyp des „Monsters“.

Die weitaus überwiegende Zahl der Übergriffe erfolgte durch respektable Persönlichkeiten: Erzieher, Geistliche, Ordensschwestern, Lehrer. Für all diese Berufe darf es keinen Generalverdacht geben. Ein Großteil der Erzieherinnen und Erzieher folgte bis in die 1970er-Jahre dem Zeitgeist und war autoritär und streng, meistens aber korrekt. In der Logik ihrer Arbeitgeber wäre jedoch ein öffentlicher Protest gegen handgreifliche Disziplinierungen oder sexuelle Übergriffe als Nestbeschmutzung verstanden worden. Dieses Versagen trug massiv zur Vertuschung und zum Verschweigen von Missbrauchsfällen bei.

Denn in so gut wie allen Einrichtungen stand der Ohnmacht der Kinder die Macht von Institutionen gegenüber. Den Eltern wiederum war eine entwürdigende Rolle zugeschrieben: zu ahnen oder zu wissen, aber aus Hilflosigkeit stumm zu bleiben. Als psychische Kompensation mag dabei die Hoffnung auf die Bildungskarriere des Kindes gedient haben. Der soziale Aufstieg war wichtig. Sein Opfer war die Kinderseele.

 

Staatliche Aufsicht versagte

Der Schritt in eine öffentliche oder kirchennahe Institution bedeutete den Beginn eines Martyriums, gegen das die staatlichen Stellen keine Abhilfe schafften. Kinder aus hoffnungslos zerrütteten Familienverhältnissen wurden von Fürsorgeeinrichtungen in Heimen untergebracht. Danach gab es so gut wie keine wirksame Kontrolle.

Man hatte die Kinder eingewiesen und seine Pflicht getan. Fortan sollte Ruhe herrschen. Irgendeine Kritik der zuständigen Aufsichtseinrichtungen an der Behandlung der Kinder erfolgte augenscheinlich nicht. Es fällt schwer, im Versagen der staatlichen Aufsicht nicht eine Mittäterschaft zu sehen.

In den letzten Jahren ist, nicht zuletzt durch die jahrelange ehrenamtliche Tätigkeit der Mitglieder der Klasnic-Kommission, die Toleranzschwelle für sexualisierte Gewalt gesunken. So, wie es Hans Czermak in jahrzehntelangen Bemühungen gelungen ist, die „g'sunde Watschen“ ihrer Selbstverständlichkeit als Disziplinierung zu berauben, werden heute Missbrauchsfälle nicht mehr mit einem Achselzucken abgetan.

 

Das Ende kirchlicher Omertà

Die Erziehungsvorstellungen haben sich in tektonischer Langsamkeit und mit beträchtlichen regionalen Unterschieden gewandelt. Der Blick zurück muss erschüttern, der nach vorn kann vorsichtig optimistisch stimmen. Unter dem Druck der Öffentlichkeit hat eine Reihe von Einrichtungen glaubwürdige Modelle zur Vermeidung sexualisierter Gewalt geschaffen. Die Caritas und andere kirchliche Einrichtungen beauftragten zum Teil umfangreiche Studien und beschlossen in intensiven internen Dialogen Maßnahmenkataloge zur Verhinderung von Missbrauch.

Zeitgleich mit dem Ende der kirchlichen oder kommunalen Omertà griff ein neues Bewusstsein um sich. Nicht zuletzt die mutige Entschuldigung der Präsidentin und der Präsidenten des Nationalrats, des Kardinals und aller politischen Parteien im Parlament zeigte einen deutlichen und hoffentlich nachhaltigen Paradigmenwechsel auf. Dieser erstreckte sich in den letzten beiden Jahren weit über die Kirche und die kommunalen Heime hinaus.

Großorganisationen wie die Sportverbände haben zwar anfangs Missbrauchsvorwürfe reflexartig ins Reich der Legenden verwiesen, aber unter dem Druck von Fakten dauerten diese Reaktionen nur kurz. Ein Nachhol- und Nachdenkprozess ist unübersehbar. Die Tatsache, dass der ÖSV nun auf die Erfahrungen der Klasnic-Kommission zurückgreift, stellt einen richtigen Schritt dar. Er beendet Jahrzehnte des Wegschauens oder Nicht-wahrhaben-Wollens.

 

Humanisierung bleibt Aufgabe

Gerade in Phasen eines „Nie wieder!“ ist nichts gefährlicher als die Illusion, „es endgültig geschafft zu haben“. Unser Leben ist keine Idylle. Institutionen sind nicht vor Rückfällen gefeit. Der Mensch ist kein rationales, sondern ein rationalisierendes Wesen. Sein Triebleben bleibt mächtig. Ein Über-Ich kann es kulturell beeinflussen, aber das Ich bleibt dem Druck des Es ausgesetzt. Dass der Mensch „edel, hilfreich und gut“ sei, ist keine Tatsachenfeststellung, sondern eine Hoffnung. Sie besagt nicht, dass er in allem und jedem edel und gut ist. Goethe („Das Göttliche“, 1783) hat seine Worte bewusst gewählt. Die Aufgabe, an der Humanisierung unserer Welt mitzuwirken, bleibt auch heute niemandem erspart. Sie liegt vor uns.

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DER AUTOR

Kurt Scholz (*1948 in Ernstbrunn, NÖ) studierte Geschichte und Germanistik an der Uni Wien, war danach als Lehrer tätig und ab 1975 Mitarbeiter des Unterrichtsministeriums. 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident. Er ist Mitglied der Klasnic-Kommission und ist als Vorsitzender des Zukunftsfonds der Republik Österreich und Vorsitzender des Internationalen Mauthausen-Beirats ehrenamtlich tätig. [ Clemens Fabry ]