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Russlands tückisches Sommermärchen

Denis Tscheryschew: Russlands neuen Überflieger hatten nicht viele auf der Rechnung.
Denis Tscheryschew: Russlands neuen Überflieger hatten nicht viele auf der Rechnung.(c) REUTERS (FABRIZIO BENSCH)
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Gruppe A. Seit dem Eröffnungsspiel präsentiert sich das russische Nationalteam wie verwandelt. Sinnbildlich für die Leistungsexplosion beim Gastgeber steht ein lange unerwünschter Flügelstürmer mit Real-Madrid-Vergangenheit.

St. Petersburg/Wien. Vom Gespött der Fußballwelt zu gefeierten Helden der russischen Nation – nicht einmal eine Woche lang hat die Sbornaja für diese Wandlung gebraucht. Vor der WM sieben Spiele sieglos, hält Russlands Nationalmannschaft nach zwei WM-Spielen bei zwei Siegen und 8:1 Toren. Der Aufstieg ins Achtelfinale ist den Russen kaum noch zu nehmen, der letzte Gastgeber, der ähnlich gestartet ist, war Italien 1934.

Sinnbildlich für die russische Leistungsexplosion steht ein Mann: Denis Tscheryschew war eigentlich nur zweite Wahl, wird inzwischen aber in einem Atemzug mit Cristiano Ronaldo genannt, hinter dem er Platz zwei in der WM-Torschützenliste einnimmt. „Ich habe das nicht erwartet. Es ist natürlich schön, aber wir müssen auch nach vorn blicken“, sagt der 27-Jährige.

Gut eine halbe Stunde hatte Tscheryschew vor dieser WM unter Teamchef Stanislaw Tschertschessow gespielt, darunter unauffällige 26 Minuten beim 0:1 in Innsbruck gegen Österreich. In der Startelf war er seit 2015 nicht mehr gestanden. Das lag teilweise an Verletzungen, vor allem aber hat er einfach nicht ins russische Spielsystem gepasst. Auch unter Tschertschessows Vorgängern war der offensive Flügelspieler im russischen Defensivkonzept nicht gefragt.

Technisch ist Tscheryschew, einer von nur zwei Spielern im russischen Kader, der im Ausland spielt (der andere ist Ersatzgoalie Wladimir Gabulow vom FC Brügge), der derzeit wohl stärkste Profi der Russen. Aktuell gibt er in der spanischen Primera División für Villarreal den Joker auf der linken Außenbahn, groß geworden ist er aber in der Akademie von Real Madrid, wo sein Vater Jugendtrainer war. Tscheryschew besitzt nicht nur auch den spanischen Pass, die Phrasen der Real-Stars hat er ebenfalls verinnerlicht. „Gott sei Dank habe ich drei Tore schießen können, aber mein Ziel ist es, dem Team zu helfen“, erklärte er in Russland.

Dennoch, als Kandidat für die Startelf war der Spanien-Legionär nicht in den WM-Kader berufen worden. Nur weil Alan Dsagojew im Eröffnungsspiel gegen Saudiarabien nach 24 Minuten verletzt vom Platz musste, bekam Tscheryschew seine Chance. 19 Minuten später ließ er zwei saudische Verteidiger aussteigen und traf zum 2:0. Sein zweites Tor war ein eleganter Außenrist-Schuss von der Strafraumgrenze. „Ich hätte mir das nicht erträumen können“, meinte er nach dem 5:0-Auftaktsieg und seinen ersten beiden Länderspieltoren.

Am Dienstag, beim 3:1 über Ägypten, stand der Angreifer folgerichtig in der Startelf. Eine sehenswerte Kombination, wie man sie von den Russen vor wenigen Tagen noch nicht erwarten durfte, vollendete er zum 2:0. Bemerkenswert: Tor Nummer drei erzielte Mittelstürmer Artjom Dsjuba, der in den eineinhalb Jahren vor der WM nur einmal für Russland aufgelaufen war und nach einem Disput mit seinem Klub Zenit St. Petersburg die Saison beim Mittelständler Arsenal Tula beendet hatte. Bei der WM hält Dsjuba, 29, nun schon bei zwei Toren. Im Zweikampf mit ihm produzierte Ägyptens Fathi auch das Eigentor, dass Russland auf die Siegerstraße brachte. Und für Topscorer Tscheryschew hat er auch schon aufgelegt.

Die beiden neuen Stürmer harmonieren. Aber auch die Defensive wurde umgekrempelt. Zwei Jahre lang strauchelte Russland mit seiner Fünf-Mann-Abwehr, nun setzt Tschertschessow auf eine Viererkette. „Wir waren vielleicht nicht so erfolgreich in der Vergangenheit, aber wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, sagt der Teamchef.

Während den heimischen Medien allmählich die Superlative ausgehen, sollte nicht vergessen werden, dass es auch die richtigen Gegner zur richtigen Zeit waren, die Russlands Traumstart möglich gemacht haben. Am Montag wartet mit Uruguay ein schwerer Brocken. Und im Achtelfinale droht zumindest der Papierform nach gegen Spanien oder Portugal ein jähes Ende des russischen Sommermärchens.

AUF EINEN BLICK

WM-Gastgeber Russland ist als 70. der Fifa-Weltrangliste der nominell schwächste der 32 Teilnehmer. Auch die Vorbereitung verlief alles andere als glücklich. Doch nach zwei WM-Partien hat die Sbornaja sechs Punkte und 8:1 Tore auf dem Konto und steht so gut wie sicher im WM-Achtelfinale.

 

Denis Tscheryschew ist mit drei Treffern Russlands Topscorer. Im Auftaktspiel hatte der 27-Jährige noch keinen Platz in der Startelf, nun ist er neben Teamchef Stanislaw Tschertschessow, der sein Team entscheidend umgekrempelt hat, der große Held im Gastgeberland. Ausgebildet wurde der Villarreal-Legionär in der Akademie von Real Madrid.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2018)