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„Dann haben wir den Markt abgeschafft“

„Es geht nicht darum, Amazon zu zerschlagen – das wäre Symptombekämpfung“, sagt Bestseller-Autor Viktor Mayer- Schönberger („Big Data“, „Das Digital“).
„Es geht nicht darum, Amazon zu zerschlagen – das wäre Symptombekämpfung“, sagt Bestseller-Autor Viktor Mayer- Schönberger („Big Data“, „Das Digital“).REUTERS

Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger kommt auf Einladung des Verlegerverbands nach Wien. Im Interview sagt er, was er über Google-Steuer und Datenschutzverordnung denkt – und was Amazon mit Planwirtschaft zu tun hat.

Die Zeitungsverlage stehen unter Druck – das Geschäft wandert mehr und mehr in Richtung Internet ab. Was werden Sie den Verlegern bei Ihrer Zeitungsmatinee am kommenden Donnerstag sagen?

Viktor Mayer-Schönberger: Die Botschaft wird keine angenehme sein. Aber das erwarten die Verlage auch nicht, dass alles wieder gut wird – so wie in den glorreichen 1950er- oder 1960er-Jahren, als die Anzeigenerlöse hoch waren und die Leute viel Zeitung lasen. Es geht darum, die Veränderungen, die jetzt anstehen, zu begreifen, darauf zu reagieren, aber auch auf die Politik einzuwirken, damit die Widerstandskraft, die unsere Wirtschaft und unsere Demokratie auszeichnet, auch bestehen bleibt.

Haben Sie die Medienenquete verfolgt?

Ja. Da sind viele alte Muster aus dem 20. Jahrhundert wieder aufgetaucht – z. B. die Forderung: Wir müssen die europäischen und die nationalen Medien schützen. Das scheint mir wenig sinnvoll. Das ist, als würde man die Augen zumachen und hoffen, dass Amazon weggeht.

Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt es?

Wir müssen die Voraussetzungen für Vielfalt fördern, denn das fördert die Widerstandsfähigkeit des Marktes und der Demokratie. Das ist eine Herausforderung, denn die enorme Kraft der großen Internetanbieter resultiert aus der Menge an Daten, auf die sie zugreifen können – sie lernen schnell daraus, können bessere Dienste anbieten. Wenn ich aber nur auf wenige Daten Zugriff habe, kann ich mit den großen Datenkraken nicht mithalten. Es geht um Vielfalt und Wettbewerb.

Die Regierung denkt an eine Digital-Steuer für Facebook, Google, Amazon & Co.

Es reicht nicht, Steuern zu verlangen. Man muss die Riesen zwingen, Daten zu teilen. Warum gibt es denn keine Mitbewerber für Amazon oder Google? Weil deren Kraft aus der Fähigkeit stammt, aus vielen Daten zu berechnen, wer was kaufen wird. Dieses Rohmaterial, das die Algorithmen erzeugt, sollte auch kleinen europäischen Mitbewerben zur Verfügung stehen. Das ginge trotz Datenschutz-Grundverordnung, weil es anonyme Daten sind.

Halten Sie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) für gelungen?

Sie ist extrem amorph, weil sehr viele Köche daran gearbeitet haben. Im Ergebnis ist es mit der DSGVO für die Datenkraken leichter geworden und schwieriger für kleine Start-ups; einerseits wegen des gestiegenen Verwaltungsaufwands und andererseits, weil die DSGVO noch immer auf die Betroffenen abzielt – vor allem diese müssen vor Gericht klagen. Das macht kaum jemand; damit bleiben die Datenkraken unbehelligt. Drittens ist das Sammeln der Daten schwierig, aber die Wiederverwendung der Daten wird erleichtert. Ein kleines Start-up kommt aber gar nicht mehr zu Daten.

Es gibt den Ruf nach einem europäischen Google, einem europäischen Facebook.

So einen Kantönligeist brauchen wir nicht. Wir müssen nicht das Wagenrad neu erfinden, sondern schauen, wo die große Wertschöpfung passiert: zum Beispiel nicht in der Zurverfügungstellung eines Online-Marktplatzes, sondern in der Beeinflussung der Entscheidungen der Menschen. Dort brauchen wir Vielfalt.

Welche Trends beobachten Sie?

Wir bewegen uns rasch auf einen ganz neuralgischen Punkt zu: Die Frage ist, ob wir Marktwirtschaft und Demokratie bewahren können oder ob wir in Diktatur und Planwirtschaft aufwachen. Wenn Amazon mir empfiehlt, was ich kaufen soll, und ich halte mich daran, dann ist Amazon ein zentraler Entscheidungsassistent, der das Kaufverhalten von 100 Millionen Menschen beeinflusst – das ist kaum anders als zentral gelenkte Planwirtschaft. Und wenn Facebook allen sagt, was los ist, dann ist das kaum anders als das, was wir von staatlicher Zensur gewohnt sind. Wenn wir also nicht gegensteuern in Richtung Vielfalt, sondern nur, indem Amazon zwar Steuern zahlt, aber weiter tun darf, was es tut, dann haben wir den Markt abgeschafft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2018)