Amanshausers Welt: 179 Deutschland

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Amanshausers Welt Deutschland(c) Martin Amanshauser
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Was man zwischen zwei Flügen in vier Stunden Düsseldorf erleben kann, ohne sich am Konflikt mit Köln emotional zu beteiligen.

Meine Erfahrungen mit Düsseldorf beschränkten sich auf ein überstürztes morgendliches Aussteigen am Hauptbahnhof während der Interrail-Zeit, um 1990. Ich wollte eigentlich nach Brüssel, hatte aber aus übernächtigen Augen nur den Wortfetzen Üssel registriert, eine Verwechslung, die mir erst auf dem Bahnhofsvorplatz auffiel, der Adenauer hieß. Ich blieb nur kurz, bis zum nächsten Zug nach Amsterdam.

Auch diesmal, 2010, hatte ich kaum Zeit für Düsseldorf, aber immerhin vier Stunden zwischen zwei Flügen. Auf dem Flughafen fragte ich eine Fast-Food-Dame, ob es sich auszahle, in die Stadt zu fahren. Sie antwortete, sie könne mir das nicht raten, aber sie sei vorbelastet, da aus Köln kommend. Genau: Die Rivalität Köln/Düsseldorf gehörte zum wenigen, das ich über diese Stadt wusste.
Ich nahm eine S- und eine U-Bahn ins Zentrum, spazierte bis zum Rhein, der gefährlich hoch stand. Eisiger Wind wehte. In der Stadtbroschüre, die ich irgendwo aufgeklaubt hatte, las ich: „Die Düssel verlieh ihr den Namen, der Rhein die Bedeutung“, und dass Goethe, Napoleon und Heinrich Heine, die sich sonst niemals einig gewesen waren, allesamt Düsseldorf super gefunden hatten.

Ich besuchte das Schifffahrt-Museum im Schlossturm. Die Schiffsmodelle beeindruckten mich, und das Panoramacafé war großartig, aber ich bemerkte, dass ich kein Geld abgehoben hatte. Unten spuckte mir der Geldautomat ein Bündel verblüffend dreckiger, abgegriffener 20-Euro-Scheine aus.

In einer Buchhandlung stieß ein Mann gegen einen Stapel Bücher, die auf den Boden prasselten. Da ich (um seine Reaktion zu beobachten) der einzige Nahestehende war, half ich ihm notgedrungen beim Aufheben. Er hatte einen hochroten Kopf und bedankte sich kaum. Als wir die Bücher oben hatten, lief die Buchhändlerin heran. „Ich hab nichts angefasst!“, verteidigte sich der Mann, bereits flüchtend, „als sie gefallen sind, hab ich nichts berührt! Und fünf Sekunden vorher auch nicht!“ Beim letzten Wort war er schon ziemlich weit weg.

Idiot. Ich verbrachte meine letzte Stunde in einem Starbucks, bestellte eine Bionade und lauschte einem Pärchen. Sie redete ununterbrochen. „You see? Money is not important to me now, you see?“, sagte sie. Als er zu Wort kam, sagte er: „We have to go.“
Zur Rückfahrt stieg ich in die U-Bahn ein, ohne ein Ticket gelöst zu haben. Es war nicht möglich gewesen, weil der Automat keinen der dreckigen 20-Euro-Scheine akzeptiert hatte. Ein Schild fiel mir auf: „Pflicht des Fahrgastes ist es, sich auf dem Wagen einen festen Halt zu verschaffen.“ Das tat ich. Ich stellte mir während der Fahrt Dialoge vor, die ich mit Kontrolloren führen würde, großartige Szenen, bei denen ich souverän wirkte, meine Kontrahenten der Lächerlichkeit preisgab und nie zahlen musste. Alle Mitreisenden bewunderten meine Schlagfertigkeit.

Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at
Bestell-Info: Online oder Fax: 01/514 14-277.

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