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Litauen: Anfang vom Ende des Imperiums

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Vor 20 Jahren hob der Oberste Rat in Vilnius die 1940 verhängte Zwangsannexion an die Sowjetunion auf. Es war dies der erste Schritt, der zum Kollaps der UdSSR führte.

KOPENHAGEN/VILNIUS. Ereignisse, die die Geschichte verändern, müssen nicht immer Schlagzeilen machen. Und so wurde vor 20 Jahren auch die Resolution des Obersten Rats der Sowjetrepublik Litauen vom 11. März 1990 in westlichen Medien bestenfalls als Randnotiz vermerkt. Als der litauische Delegierte Vaidotas Antanaitis zwei Tage später auf dem Volksdeputiertenkongress in Moskau bekanntgab, dass das Parlament in Vilnius die „souveränen Rechte des litauischen Staates“, die 1940 „von einer fremden Macht mit Füßen getreten wurden“, wiederhergestellt habe und dass Litauen seit diesem Tag „wieder ein unabhängiger Staat“ sei, vermerkte das Protokoll „Gelächter“.

Und doch hat jene Resolution vor 20 Jahren eine Entwicklung in Gang gesetzt, die unausweichlich zum Einsturz des sowjetischen Kartenhauses führen musste. Denn die Zentralmacht war nicht mehr stark genug, um den Freiheitswillen der Völker zu drosseln.

 

Balten waren Vorreiter

Den Volksdeputierten mochte der Beschluss der Litauer noch als verwirrte Fantasie erscheinen. Doch vier Wochen später erklärte der Moskauer Historiker Jurij Afanasjew, der damals wie viele russische Demokraten das Unabhängigkeitsstreben der Balten unterstützte, bei einer Großkundgebung in Vilnius: „Man muss kein sehr weitsichtiger Politiker sein, um hier den Willen des Volkes zu erkennen: Der 11. März wird den Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums bedeuten.“

Die Balten waren die Vorreiter, und Litauen ritt vorneweg. Volksbewegungen, ursprünglich zur Unterstützung von Michail Gorbatschows Perestrojka gegründet, erhoben bald die Forderung nach mehr Selbstbestimmung. In frei gewählten Parlamenten übernahmen die Vertreter der Volksfronten die Macht.

Litauens Kommunisten sagten sich von Moskau los und brachen das Monopol der KPdSU. „Die Ereignisse entwickelten sich in unglaublichem Tempo“, erinnerte sich der Philosoph Bronislaw Genzelis, einer der Mitbegründer der Volksfront Sajudis. „Was uns morgens noch illusorisch erschien, war abends schon Realpolitik.“

Während die Parlamente in Lettland und Estland Übergangsphasen für die Rückkehr zur Selbstständigkeit erklärten, preschte der von der Sajudis dominierte Oberste Rat in Vilnius vor und hob die 1940 verhängte Zwangsannexion an die Sowjetunion auf. Gorbatschow erkannte die Sprengkraft der Entscheidung. Wütend forderte er die Rücknahme der „rechtswidrigen Akte“. Als Litauens Parlamentspräsident Vytautas Landsbergis dies verweigerte, verhängte der Kreml eine Wirtschaftsblockade, die die Republik an den Rand des Kollapses brachte.

Hilfe aus dem Westen blieb aus. US-Präsident George Bush brauchte Gorbatschows Unterstützung für den bevorstehenden Irak-Krieg, in Bonn benötigte Bundeskanzler Helmut Kohl das Ja des Kreml-Chefs zur deutschen Einheit. Diesen Traum sollten aufmüpfige Balten nicht stören.

Während sich in Vilnius die pragmatische Regierung und das radikal-nationale Parlament über die richtige Antwort auf die Drohgebärden des Kreml stritten, richtete Gorbatschow ein letztes Ultimatum an die Aufrührer-Republik. Dann fuhren Panzer auf. Am 13.Jänner 1991 besetzten sowjetische Spezialtruppen den TV-Turm, 14 Menschen starben.

Doch als die Panzer aufs Parlament zurollten, stellte sich ihnen eine vieltausendköpfige Menschenmenge entgegen und schützte das Gebäude, in dem sich die politische Führung verschanzt hatte, mit ihren Körpern. Ein Blutbad wünschte der Kreml nicht. „Zu viel Fleisch hier“, erklärte ein Panzerkommandant, dessen Kommunikation vom litauischen Sicherheitsdienst abgehört wurde, und ließ kehrtmachen.

Die Stunden des Sowjetreichs waren gezählt. Als im August die Hardliner im Kreml gegen Gorbatschow putschten, gruben sie ihr eigenes Grab. Nach ein paar Tagen war der Spuk vorbei. Da hatten sich auch Lettland und Estland für selbstständig erklärt, und nun hatte auch der Westen keine Einwände mehr. Am 6. September, drei Tage nach den USA, erkannte selbst die gerade noch existierende Sowjetunion die Souveränität der baltischen Staaten an.

Nicht einmal zwei Jahre dauerte der Zerfall, den die Resolution vom 11. März 1990 eingeläutet hatte. Jetzt, 20 Jahre später, ist der Jubel darüber in Litauen seltsam verhalten. Die Wirtschaftskrise beutelt das Land, der Wohlstand ist im letzten Jahr um 18 Prozent gefallen.

 

Medwedjew gratulierte

Ministerpräsident Andrius Kubilius erinnert seine Landsleute daran, dass die Lage vor 20 Jahren viel schlimmer war, als durch Blockade und den Einsturz der sowjetischen Strukturen das halbe Sozialprodukt wegbrach. Damals verkündeten die Patrioten, dass sie lieber Kartoffelschalen essen wollten als auf die Freiheit zu verzichten. Doch inzwischen haben die Litauer süße Jahre der EU-Mitgliedschaft und eines Wirtschaftsbooms erlebt, und so spüren sie die jetzige Pleite härter als den Umbruch damals.

Zur Feier des 20. Jahrestags hat Litauen Freunde, Partner und Nachbarn nach Vilnius gebeten, als Ehrengast Island. Denn die Regierung in Reykjavik war seinerzeit die einzige, die nach dem Angriff auf den Fernsehturm Litauens Unabhängigkeit offiziell anerkannte.

Auch der russische Präsident Dmitrij Medwedjew ist geladen. Er kommt nicht. Doch dass er seiner litauischen Kollegin Dalia Grybauskaitė höflich absagte und zum Unabhängigkeitstag gratulierte, lässt die Litauer hoffen, dass für die so lange frostigen russisch-baltischen Beziehungen bessere Zeiten anbrechen könnten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2010)

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