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Auslandstürken: Die grenzenlose Liebe zu Erdoğan

Recep Tayyip Erdoğan zählt auf den Auslandsfaktor.
Recep Tayyip Erdoğan zählt auf den Auslandsfaktor.(c) REUTERS (GORAN TOMASEVIC)
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In Österreich erreichte der türkische Präsident fast eine Dreiviertelmehrheit. Seine Wähler stammen aus Zentral- und Ostanatolien. Noch treuere Fans hat er nur in Belgien und den Niederlanden.

Wien. Die türkischstämmige Community in Österreich, die über einen türkischen Pass (oder eine Doppelstaatsbürgerschaft) verfügt, hält Recep Tayyip Erdoğan weiter hoch in Ehren. Wie schon bei den vergangenen Urnengängen in der Türkei hat der Amtsinhaber auch bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag in Österreich ein deutlich besseres Ergebnis erzielt als in der Heimat und den meisten anderen europäischen Ländern mit türkischer Diaspora. Bei einer Wahlbeteiligung von rund 50 Prozent kam der Gründer der Regierungspartei AKP auf 72 Prozent der Stimmen (im Vergleich zu 52,6 Prozent insgesamt). Es ist ein Trend, der sich weiter verfestigt. Bei der Parlamentswahl 2015 haben fast 70 Prozent der in Österreich lebenden Türken die AKP gewählt. Beim türkischen Verfassungsreferendum im April des Vorjahrs sprachen sich 73 Prozent für die Einführung des Präsidialsystems aus.

Aber auch schon früher, in den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren konnte die Wohlfahrtspartei, die frühere Partei Erdoğans und seines Ziehvaters, Neçmettin Erbakan, auf eine Mehrheit bauen. Zurückzuführen ist diese Sympathie vor allem auf die Herkunft der österreichischen Türken, die aus der Gastarbeitergeneration und ihren Nachkommen bestehen. Der überwiegende Teil der ab 1964 angeworbenen Arbeiter kam aus dem verarmten, ländlichen, sehr religiös geprägten Zentral- und Ostanatolien.

Anwerbung von Hilfsarbeitern

Zudem wurden – anders als in Deutschland mit seiner spezialisierten Autoindustrie – kaum höher gebildete Facharbeiter, sondern hauptsächlich Hilfskräfte angeworben. Diese Männer und Frauen schlossen sich häufig in Moscheen und Islamverbänden wie Milli Görüs zusammen, führten ihr Leben ohne kulturelle Brüche fort und tradierten ihre Werte an ihre Kinder. Die in Österreich traditionell starken Islamverbände spielen auch im Wahlkampf, bei der Mobilisierung und der Logistik (Busfahrten zu den drei Konsulaten) eine Rolle. Als das Wählen im Ausland noch nicht möglich war, wurden günstige Ein-Tages-Flüge in die Türkei organisiert.

Ob und inwieweit die jüngsten Schließungen von Moscheen durch die Regierung in Wien eine Rolle gespielt haben, ist schwer zu sagen, da sich das Wahlverhalten nicht nennenswert von früheren Wahlen unterscheidet. Die geschickte Vereinnahmung der Auslandstürken durch Erdoğan, der sie in seinen emotionalen Reden gern als „meine Landsleute“ und „westlichen Brüder“ bezeichnet und ihnen so ein Gefühl von Zugehörigkeit gibt, dürfte ein weiterer Faktor für seinen überproportionalen Erfolg in Österreich, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Belgien mit bis zu 75 Prozent sein. „Bringt auch in Europa mit Gottes Hilfe die Urnen zum Platzen“, appellierte er.

Recep Tayyip Erdoğan zählt auf den Auslandsfaktor, und die Pro-Erdoğan-Resultate sind sehr konstant. Dabei hatten die Staaten mit der größten türkischen Community in Europa nach der schweren Kontroverse des vorigen Jahres und der scharfen antiwestlichen Polemik Erdoğans Wahlkampfauftritte des Präsidenten und seiner Minister heuer untersagt. Allein in Deutschland lebt mit rund 1,5 Millionen die Hälfte der wahlberechtigten Auslandstürken.

Starke Kurden-Bastion in der Schweiz

Ein konträres Bild zeigt sich derweil in Südeuropa. In Spanien und Italien setzten sich am Sonntag die Anhänger des Oppositionskandidaten Muharrem İnce mit zum Teil großem Abstand durch. Auch in Großbritannien behauptete sich İnce mit einer absoluten Mehrheit. Auf den britischen Inseln landete Erdoğan sogar noch hinter Selahattin Demirtaş, dem Kandidaten der Kurdenpartei HDP, auf dem dritten Platz.

In Großbritannien, Schweden und der Schweiz gibt es große Kurden-Hochburgen, was sich im Wahlergebnis widerspiegelt. Demirtaş erreichte in der Schweiz – bei einer vergleichsweise ähnlich großen Zahl türkischer Wahlberechtigter – 27,5 Prozent, mehr als das Dreifache als in Österreich. Am stärksten schnitt der Kurden-Politiker im internationalen Vergleich übrigens in Japan und im Irak ab, während Erdoğan im Libanon sein bestes Ergebnis erzielte: 94 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2018)