Leitartikel

Wie ist es möglich, dass Türken in Österreich Erdoğan wählen?

(c) APA/AFP/BULENT KILIC

Erneut geht ein Großteil der Stimmen in Österreich an Präsident Erdoğan. Das Ergebnis spiegelt die gescheiterte Integrationspolitik wider.

Die Fangemeinde ließ nicht lange auf sich warten. Bereits kurze Zeit nach der Verkündung der vorläufigen Wahlergebnisse feierten wenige hundert türkeistämmige Migranten den Sieg Recep Tayyip Erdoğans in Wien-Favoriten. Die Kundgebung und ein Hupkorso werden in den nächsten Tagen wohl wieder ein Grund dafür sein, dass die austrotürkische Gemeinschaft gemeinhin als Erdoğan-affin, streng religiös, europa- und integrationsfeindlich wahrgenommen wird.

Eine grobe Rechnung: Von den etwa 300.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund besitzt rund die Hälfte die türkische Staatsbürgerschaft, für die Wahlen am Sonntag waren jedenfalls 106.657 Stimmberechtigte registriert. Knapp mehr als die Hälfte von ihnen ging wählen, und 62 Prozent von ihnen favorisierten Erdoğan.

In anderen Worten: Ein Auto-Korso repräsentiert nicht die gesamte türkeistämmige Gemeinschaft in Österreich. Die Community ist insgesamt diverser, vermutlich aber ziemlich genauso konservativ, wie sich auch die gesellschaftspolitische Landschaft in der Türkei zusammensetzt. Aus dem ländlichen, konservativen Anatolien kamen denn auch viele sogenannte Gastarbeiter nach Österreich.

Sie sind das Kernklientel Erdoğans, im Inland und in der Diaspora. Sie halten dem Mann die Treue, der „den Türken“ Selbstbewusstsein und Stärke gegeben und das Land zu einem internationalen Player gemacht hat. Auf die Frage, warum sie trotz seines autoritären Kurses oder der jüngsten Finanzkrise Präsident Erdoğan wählen, haben AKP-Anhänger stets dieselbe Antwort: Ausbau der maroden Infrastruktur, Ausbau des Gesundheitswesens etc. Und noch wichtiger: Millionen Türken erhalten direkt oder indirekt über die AKP Unterstützungsgelder. Durch die engen Bande mit der alten Heimat hat auch die Diaspora von diesem Wiederaufbau und der Hilfspolitik profitiert.

Zwischen einem Erdoğan-Wähler in Österreich und einem Erdoğan-Wähler in der Türkei gibt es aber einen fundamentalen Unterschied: Erstere müssen die Konsequenzen der AKP-Politik nicht tragen. Beim Verfassungsreferendum im vergangenen Jahr war ein Großteil der türkischen Staatsbürger, die in Österreich abgestimmt haben, für die Einführung der Präsidialrepublik. Das Ergebnis sorgte zu Recht für wütende Reaktionen auf sozialen Medien (zumal die Auslandsstimmen entscheidend für das Ergebnis des Referendums waren): In einer Demokratie wie Österreich leben, aber für die Autokratisierung der Türkei stimmen!

Und doch: Die Realität gestaltet sich komplexer: Viele Bürger in der Türkei gehen davon aus, dass die Diaspora zwischen Berlin und London ein angenehmes und unbeschwertes Leben führt, während die Erdoğan-Fans in Europa automatisch davon ausgehen, dass es jedem Bürger in der Türkei doch gut gehen muss – im Urlaub sehen sie ja die neuen Straßen, Einkaufszentren und überhaupt ein verändertes Land.


Noch größer sind die Missverständnisse zwischen den Erdoğan-Fans und der Gesamtgesellschaft in Ländern wie Österreich und Deutschland. Ja, es ist beunruhigend, wenn sich vor allem junge Menschen in zweiter, dritter Generation mit einem Mann identifizieren können, der von einem Land ohne Kritiker träumt und ein eigentümliches Verständnis von Menschenrechten und Justiz hat. Die Community muss sich selbst fragen, wie es so weit kommen konnte. Das Abstimmungsverhalten ist aber sicher auch Ausdruck einer gescheiterten Integrationspolitik. Diese Debatte dreht sich seit Langem im Kreis, hoffentlich führt sie irgendwann zu Ergebnissen.

Seit fünf Jahrzehnten hat die österreichische Politik Berührungsängste mit einer Gemeinschaft, die sie mehr geduldet hat, als sich für sie zu interessieren. In der Integrationsdebatte wird über Türken oft so gesprochen, als hätten sie dieses Land in eine Katastrophe gestürzt. Dabei haben sie gemeinsam mit Migranten aus Ex-Jugoslawien maßgeblich zum Wohlstand der Zweiten Republik beigetragen. Das kann man doch einmal, Erdoğan hin oder her, anerkennen. Und dann ganz sachlich beginnen, den Einfluss der Türkei endlich zu kappen.

 

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2018)