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Sommerspiele Perchtoldsdorf: Aristokater und ihre Kätzchen

„Ernst ist das Leben oder: Bunbury“ von Oscar Wilde und Elfriede Jelinek in Perchtoldsdorf. Michael Sturminger sorgte mit seiner kessen, modischen und überwiegend amüsanten Regie für Befremden und Begeisterung in Perchtoldsdorf.
„Ernst ist das Leben oder: Bunbury“ von Oscar Wilde und Elfriede Jelinek in Perchtoldsdorf. Michael Sturminger sorgte mit seiner kessen, modischen und überwiegend amüsanten Regie für Befremden und Begeisterung in Perchtoldsdorf.(c) Lalo JODLBAUER
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Michael Sturminger inszeniert Elfriede Jelineks Überschreibung von Wildes „Bunbury“: Amüsant, überdreht, mit feinem Ensemble.

Was für eine Modeschau, und erst die Hüte! Michael Sturminger, „Jedermann“-Regisseur und Intendant in Perchtoldsdorf, zeigt in der stolzen Marktgemeinde am Rande Wiens, die immer nobler wird, Elfriede Jelineks Bearbeitung von Oscar Wildes „Bunbury“. Die Premiere am Mittwoch fand wegen Regens im Kulturzentrum bei der Burg statt, was anfangs zu Kapriolen der Technik führte, die offenbar auf das Spiel im Freien ausgerichtet ist.

Sogar Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner beehrte die Aufführung, sie übte den Hofknicks in der lokalen Tracht und verwechselte Perchtoldsdorf mit Purkersdorf. Aber! Um Versprecher, peinliche, entlarvende, skurrile, geht es auch in Jelineks Text, den Falk Richter 2005 im Akademietheater inszeniert hat: mit Kirsten Dene, Michael Maertens, Roland Koch, unüberbietbar.

Den besten Original-„Bunbury“ hatte 2006 das Theater in der Josefstadt, mit Helmuth Lohner als Lady Bracknell und Otto Schenk als Miss Prism. Sturminger macht sich gern über die Society lustig, was einmal mehr, einmal weniger gut gelingt, er neigt zum Gschnas. Die herumhüpfenden, sich windenden, singenden, Klavier spielenden, Scones in sich hineinschlingenden und dabei dauerredenden Gestalten auf der Bühne wirken anfangs gewöhnungsbedürftig.

 

Köstlich: Maria Hofstätter als Pastor

Lauter verrückt gewordene Aristokater und ihre Kätzchen! Exzentrische Engländer, erfunden von einem irischen Dandy, produzieren sich hier, sie erinnern an schrägen Humor und schrille Popästhetik (Elton John, Boy George, Sex Pistols) von der Insel. Manche Besucher erholten sich von dem Anfangsschock nicht und flohen in der Pause.

Doch Sturminger lässt sich immer viel einfallen, und seine szenische Fantasie siegt diesmal. Die Herren Algy und John, der eine ein erfahrener Lebemann wie Wilde, der andere ein Bruder Simpl, sind einander mehr zugetan als den Frauen, sie müssen aber heiraten, Hauptsache: reich! Mit atemberaubender Geschwindigkeit jagt Sturminger sein Ensemble, Könner allesamt, durch den mit einer Pause fast drei Stunden langen Abend. Nur Michou Friesz als Lady Bracknell – eine Upper-Class-Lady mit tödlichem Humor, zu der Wilde sich vielleicht von seiner energischen Mutter, einer irischen Salondame, inspirieren ließ – darf sich Zeit nehmen, ihre Pointen präzis zu setzen.

Ausschließlich Frauen spielen in dieser Produktion, sinnlos zu fragen, warum, des theatralischen Effektes wegen. Kostümbildnerin Renate Martin hat auch in dieser Hinsicht Wunder der Verwandlung bewirkt. Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst geben das heimliche Paar Algy und John, die einander fortwährend an die Wäsche gehen, de Vos sieht aus wie eine Mischung aus Lucy McEvil und Helmut Berger (jener, der in Viscontis Film „Ludwig II.“ spielte). Maresi Riegner und Miriam Fussenegger begeistern als It-Girls, Marie-Christine Friedrich spielt die tollpatschige Träumerin Miss Prism. Der absolute Clou schließlich: Maria Hofstätter als Pastor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2018)