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Dickes für den Urlaub

Symbolbild.
Symbolbild.(c) Martin Parr / Magnum Photos / picturedesk.com (Martin Parr)
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Ferne Liebe: Bis über die Galaxie hinaus.

Ein Pastor reist in eine nahe Galaxie, um im Auftrag eines ominösen Konzerns die Bewohner des Planeten Oasis zu missionieren: Allein mit diesem – Science-Fiction-feindliche Leser leicht abschreckenden – Plot hat sich der in Australien aufgewachsene, heute in Schottland lebende Michel Faber was getraut. Dabei ist der neue Roman des unberechenbaren Autors alles mögliche Großartige, aber sicher kein Genre-Werk. Vor allem erkundet es, in eine süffige und doch leise Handlung und Sprache gekleidet, was Liebe und Glaube unter extremen Bedingungen aushalten können.

In „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ werden Peter, der Pastor, und seine Frau Beatrice (man denkt da an den Dichter Petrarca und seine Geliebte) durch die Mission getrennt und leiden sehr daran. Sie schreiben einander, aber die Entfremdung scheint unaufhaltsam: Auf der Erde häufen sich die Katastrophen, auf Oasis lebt sich Peter immer mehr in den Alltag mit den Oasiern ein, deren „Gesicht“ aussieht wie eine „Plazenta mit zwei Föten“. Sie gieren nach den Botschaften im „Buch der seltsamen Dinge“ (ihr Name für die Bibel), sogar noch mehr als nach der Medizin, die die von der Erde gekommenen Aliens bringen. Der Missionar war ihre Bedingung für weiteren Handel. Vertrautheit kommt auch mit Grainger auf, der einzigen Frau auf der Basis.
„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist in der Art, wie es erzählt, erfüllt von dem, wovon es erzählt: von den fürchterlichen Begrenzungen des Körperlichen und der Hoffnung, sie zu überwinden. Man sollte sparsam mit autobiografischen Literatur-Interpretationen sein – aber die Zärtlichkeit und Traurigkeit dieses Romans (und vielleicht auch diese ausufernde Empfehlung hier) wird man vielleicht doch besser verstehen, wenn man weiß, dass die Frau des heute 58-jährigen Autors an Krebs starb, als er diesen Roman fertig schrieb.

Fast jeder will wohl im Urlaub die Trauer der anderen meiden. Aber was, wenn sie einen literarisch so beglückt? Mit „Lincoln im Bardo“ ist es das Gleiche. US-Autor George Saunders erhielt für seinen ersten Roman nach so vielen preisgekrönten Short Stories den Man Booker Prize. 1862, mitten im Bürgerkrieg, verlor der US-amerikanische Abraham Lincoln seinen elfjährigen Sohn Willie, Saunders erzählt im Wesentlichen vom Todestag, dem Tag der Beerdigung und der Nacht danach, in der Abraham Lincoln mehrmals zur Grabkammer geht und den Sarg öffnet, um seinen Sohn zu umarmen.

Aber was heißt hier „erzählt“? Lauter – ja fast nur Untote kommen hier im ständigen Wechsel zu Wort, meist nur ein, zwei Sätze lang; unruhige Geister, die sich nach dem Leben sehnen und die Lebenden durchdringen. Grandios – doch eine Warnung: Stilistisch ist das die Antithese zu Michel Fabers Roman, schwierige Kost.

Eine Frau wandert mit ihrer neunjährigen Tochter und ohne sie an britischen Flussläufen entlang, immer stromaufwärts, zur Quelle. Viele britische Leser sind schon mit Katharine Norbury mitgewandert, dank ihrem in ihrer Heimat mehrfach ausgezeichneten autobiografischen Buch „Die Fischtreppe“. Das ist eigentlich kein Wälzer, aber doch ein Buch, das Zeit braucht, in Ruhe gelesen sein will. Wundervoll kann Norbury über das Sich-Bewegen und Sich-Finden in Landschaften erzählen, deren Zauber im Detail aufspüren.

Und was ist eigentlich eine Fischtreppe? Eine Einrichtung, die es Fischen ermöglichen soll, Staudämme oder Wasserfälle zu überwinden, von Stufe zu Stufe, gegen den Strom hinauf. Vielleicht sollte man an dieser Stelle gar nicht erwähnen, dass diese wasserreiche Selbstfindung auch hier von einem Verlust angetrieben wird. Dieses Buch macht jedenfalls nicht traurig – das ist fast ein Versprechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2018)