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Kurzes für die Anreise

Symbolbild.
Symbolbild.(c) Martin Parr / Magnum Photos / picturedesk.com (Martin Parr)
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Poeten, Diktatoren und erwachte Rentner.

Man muss seinen Urlaub nicht damit vertändeln, im Flugzeug oder im Zugabteil, als Beifahrer im Auto oder im Bus blöde auf sein Smartphone zu starren, um bestätigt zu kriegen, was nun doch weit weg sein sollte – das Wetter in Wien, die Kurse in London, die Mails aus dem Büro. Nein, man kann sich ein paar Büchlein auf die Reise mitnehmen, die den Urlaub zum schönen Erlebnis machen, selbst wenn es regnet auf Madeira oder schneit am Nordkap mitten im Juli. Am besten beginnt der Ferienleser die Lektüre bereits auf dem Flughafen oder im Bahnhof.

Wie wäre es zum Beispiel mit Milena Michiko Flašars bezaubernder Geschichte „Herr Katō spielt Familie“? Die in Sankt Pölten geborene, in Wien lebende Autorin, die bereits am Theater reüssierte, hat ein kurzweiliges Buch über den Unruhestand im Ruhestand geschrieben, voller Poesie und Witz. Ausgerechnet auf dem Friedhof hat der Protagonist eine Begegnung, die sein Leben verändern wird. Ein frischer Rentner bekommt eine neue Aufgabe. Das Leben – dieses Amalgam aus Erinnerungen, Sehnsüchten und Momenten des Glücks – bietet bis zum Ende Überraschungen.

Mehrfach ausgezeichnet wurde der in Lyon geborene Regisseur und Schriftsteller Éric Vuillard für seine historischen Vignetten in „Die Tagesordnung“ (Matthes & Seitz, 118 Seiten, 18,50 €). Er erhielt dafür u.a. den renommierten Prix Goncourt. Vuillard hat politische Ereignisse zwischen 1933 und 1938 literarisiert. Sein Blick hinter die Kulissen der Macht in bleierner Zeit hat die nötige Kälte, er ist genau. Vuillard führt den Leser zum Beispiel im Februar 1933 zu einem konspirativen Treffen deutscher Großindustrieller mit Hermann Göring und Adolf Hitler im Reichtagspräsidentenpalais. Die Nazis brauchen Geld für den Wahlkampf. Es wird abkassiert. Willig machen sich die Reichen zu Vollstreckern des Regimes. Dass die Demokratie abgeschafft wird, stört sie nicht. Ein Abschnitt beschäftigt sich mit dem Anschluss von Österreich: Bundeskanzler Kurt Schuschnigg im Februar 1938 bei Hitler auf dem Berghof. Ein erbärmliches Schauspiel, ein Gangsterstück, das die Invasion vorwegnimmt. Schließlich „akzeptiert Schuschnigg ohne zu mucken. Als hätte er ein Zugeständnis errungen, beugt er sich, am Ende seiner Kräfte, einem noch verheerenderen Abkommen als dem ersten.“

Kurz, schlicht und auch ohne süßliches Sentiment ist der erste Roman der im sowjetischen Kursk geborenen, seit 1987 in Wien lebenden Autorin Ljuba Arnautović: „Im Verborgenen“(Picus, 193 Seiten, 22 € ). Genofeva ist die unscheinbare Heldin dieses vor allem in Wien spielenden, auf wahren Begebenheiten beruhenden Textes über die Schrecken des 20. Jahrhunderts. „Tante Eva“ (nach der Großmutter der Autorin) rettet Leben, sie begibt sich dabei in tödliche Gefahr. Dieses spannende Buch mit seinen dokumentarischen Einsprengseln ist eine Geschichte voll Liebe und Verlust, ein Plädoyer für die Menschlichkeit.

Man kann auf Reisen klüger werden – etwa durch Poesie, jedenfalls durch Ruth Klüger. Gedichte haben ihr einst geholfen, das Konzentrationslager zu überleben, bemerkte die in Wien geborene, 1945 aus dem KZ geflüchtete, in den USA lehrende Literaturwissenschaftlerin. In „Gegenwind“ sind zwölf deutsche und neun englische Gedichte sowie ihre Interpretationen aus der „Frankfurter Anthologie“ vereint. Fachkundig, pointiert legt die Autorin sie aus. Der Bogen reicht von Adelbert von Chamisso im 19. Jahrhundert, einem „Exilanten in deutscher Sprache“, bis in die Gegenwart zu Durs Grünbein, der „die Tradition immer mit im Gepäck hat“, von einem Sonett der Viktorianerin Elizabeth Barrett Browning bis zu Jane Hirshfield, die 2017 beim „March of Science“ die Dichtkunst verteidigte. Also: Kurz entschlossen lesen!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2018)