Am Herd

Wie wir alle

Das Kind hat gute Noten nach Hause gebracht? Sie haben das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben? Ein Aufruf zur Demut.

Danke, dieses Schuljahr ist gut gelaufen. Wirklich gut. Und ja, ich bin stolz auf die Zeugnisse der Mädchen. Obwohl ich natürlich weiß, dass ich dazu kein Recht habe. Immerhin sind es ihre Noten und nicht meine, sie haben gelernt und nicht ich, haben Referate gehalten und Hausaufgaben gemacht, Protokolle geschrieben und Vokabeln gestuckt. Aber trotzdem. So ein bisschen habe ich schon das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben, dass es irgendwie an uns, ihren Eltern liegt, dass es den Kindern gut geht, dass sie motiviert sind und glücklich, neugierig und freundlich.

An solchen Tagen denke ich, ich weiß, wie es geht. Dass es eine gute Idee war, die Kinder einfach machen zu lassen, so wenig wie möglich auf Sprechtage zu gehen, die Online-Zeiten nicht zu begrenzen, überhaupt fast nichts zu verbieten, was das Gesetz erlaubt. Regt euch nicht auf, möchte ich rufen. Kauft euren Kindern lieber für jeden Fünfer ein Eis! Ein großes.

Aber das ist natürlich Schwachsinn. Ich meine, nicht das mit dem Eis, das hat bei uns gut funktioniert. Aber der Glaube, dass es ein Rezept gibt. Dass man alles steuern könne. Dass wir nicht einfach auch eine ganze Menge Glück hatten.


Ich weiß es nämlich besser: Ich kenne Kinder, die glücklich waren, und es jetzt nicht mehr sind, Kinder, die in eine Krise schlittern und nicht mehr aus ihr herausfinden und man weiß nicht recht wieso, es war doch vor kurzem noch alles in Ordnung? Ein Mädchen kommt vom Ritzen nicht mehr los. Ein anderes ist magersüchtig. Und ich weiß, die Eltern haben sie weder verwahrlost noch verwöhnt, sie waren nicht strenger als andere und nicht mehr laisser-faire – sie sind wie wir alle.

Manchmal hat man einfach Pech.

Und jetzt ein kurzer Einschub, den ich auf Intervention meiner Tochter hin schreibe, sie hat den ersten Entwurf zu dieser Kolumne gelesen und findet, es gäbe sehr wohl Eltern, die etwas falsch machen, sehr viel falsch sogar, fast ein bisschen wütend wird sie, weil sie Familien kennt, in denen alles immer perfekt sein muss, und wehe, die Kinder sind es nicht. Mütter, denen alles egal zu sein scheint, Väter, die alles verbieten wollen, sogar die Liebe. „Die kann man doch nicht entschuldigen!“

Und das will ich auch gar nicht. Mir geht es um den Glauben, dass alles machbar ist. Darum, dass wir generell zu gerne finden, das Glück stünde uns zu, wir hätten es verdient: Die, wie man früher sagte, „gut geratenen“ Kinder, die Karriere, das Vermögen, die Gesundheit. Dass wir den Zufall nicht sehen, nicht die Privilegien, die wir haben, sondern uns lieber auf die Schulter klopfen. Auf die weniger Glücklichen? Schauen wir herab.

Das ist nicht nur arrogant. Das ist auch undankbar.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2018)

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