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Die „neoliberale Brille“ und der missverstandene Smith

Stephan Schulmeister legt sein Lebenswerk vor. Für Wirtschaftsliberale, die aus der Echokammer raus wollen.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Stephan Schulmeister sein Buch gerade jetzt vorlegt. Die amtierende Koalition vertritt, was Schulmeister, der Jahrzehnte am Wifo geforscht hat, meint, wenn er über „marktreligiöse“ Politik schreibt. Auch das Nulldefizit, das sich der Finanzminister auf die Fahnen geheftet hat, dürfte dem Juristen und Ökonomen nicht gefallen. Denn großes Sparen ist seine Sache nicht. Schulmeisters Rechnung: Kosten sind immer auch Einkommen, und die erhöhen Kaufkraft und Nachfrage.

Das ist nicht neu und auch nicht revolutionär, aber Schulmeister, der Sohn des langjährigen „Presse“-Chefredakteurs und Herausgebers Otto Schulmeister, hat sein Leben damit verbracht, seine Thesen zu untermauern. Und „Der Weg zur Prosperität“ ist das Ergebnis seiner Forschung, es ist sein zweites Buch und soll sein letztes sein. Gewerkschafter müssten bei der Lektüre ihre Freude haben. Schulmeister plädiert für eine öffentlich subventionierte Arbeitszeitverkürzung, die in Zeiten der Digitalisierung Vollbeschäftigung schafft (einige seiner Vorschläge, wie Altersteilzeit und Bildungskarenz, sind in Österreich freilich längst realisiert). Mit der Konsequenz, dass die Sicherung der materiellen Existenz nicht mehr im Zentrum stünde und die Menschen das „gute Leben“ lernen. Das habe Keynes, so Schulmeister, Europa für 2030 prognostiziert.

Was der Prosperität dem umtriebigen Publizisten zufolge im Weg steht: Die „neoliberale Brille“, die Wissenschaftlern und Politikern die Sicht vernebelt. Die gängige Theorie, laut der es der Markt schon richten werde, verschlechtere die Lebensbedingungen von Millionen Menschen, zum Beispiel in Südeuropa: Noch nie in der Nachkriegszeit seien Strukturreformen (die Schulmeister in Anführungszeichen setzt) so radikal umgesetzt worden, mit der Folge dramatisch gestiegener Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung. Der Wirtschaftseinbruch in Griechenland sei ausschließlich Folge der durch die Geberländer aufoktroyierten Sparmaßnahmen. Wo Diagnosen und Therapien selbst Teil der Krankheit seien, „ist das Denksystem ,im Ganzen‘ falsch“, schlussfolgert Schulmeister.

Adam Smith, der mit seiner „unsichtbaren Hand“ von den „Marktgläubigen“ gekapert worden sei, nimmt er in Schutz: Er habe Egoismus nicht als positiv angesehen, sondern, im Gegenteil, scharf verurteilt. Und natürlich darf der Ruf nach einer internationalen Finanztransaktionssteuer nicht fehlen.

Ja, Schulmeister ist kein Ökonom für eingefleischte Wirtschaftsliberale. Aber zwischendurch kann es doch ganz gut sein, aus der eigenen Echokammer auszubrechen. Das schärft bekanntlich die eigenen Argumente.

Das Buch

Stephan Schulmeister: „Der Weg zur Prosperität“.

Verlag:Ecowin,
480 Seiten.
Sprache:
Deutsch.
Preis:
28 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2018)