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Dick, dünn und digital: Bücher für jede Koffer-Größe

Ein E-Reader nimmt sicherlich am wenigsten Platz im Koffer weg.Clemens Fabry
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Die "Presse"-Redaktion empfiehlt Bücher für den Sommerurlaub - von dick bis digital. Und wer hätte gedacht, dass man Klassiker von Tolstoi am E-Paper fast gratis lesen kann?

Egal wie viel Platz man noch zwischen Sonnencreme und Flip-Flops im Koffer findet - empfehlenswerte Bücher in jeder Größe:

Gratis für den E-Reader

Nein, sagte der Kollege, und er stöhnte ein bisschen gar dramatisch: Doch nicht „Krieg und Frieden“! Das zu empfehlen sei purer Protz nach dem Motto: Seht her, was ich letzten Sommer gelesen habe! Ich mache es aber trotzdem. Weil man erstens nicht aus Protzerei mehrere hundert Seiten verschlingt. Und weil es einen Grund gibt, dass manche Bücher zu Klassikern wurden. „Krieg und Frieden“ liest sich wie ein Bestseller, der unter dem Motto „Lesevergnügen“ beworben wird, Liebeleien, Enttäuschungen und die große Liebe inklusive, der Roman zeichnet ein scharfes, dazwischen komisches Sittenbild der damaligen russischen Upper Class. Und die Kriegspassagen sind Wahnwitz: Glauben wir Tolstoi, geht in einer solchen Schlacht alles drunter und drüber, der linke Flügel weiß nicht, was der rechte macht, und am Ende entscheidet ein Missverständnis.

Das Gute: Tolstoi gibt es fast gratis für den E-Reader. Wie mittlerweile die meisten Klassiker. Gesamtausgaben ab 0,99 Cent sind die Regel, einzelne Bände kosten oft gar nichts. Was das Layout betrifft, muss man natürlich Abstriche machen, aber das sind Kindle-User ja gewohnt. Und für die neuesten Übersetzungen muss man natürlich zahlen – und nicht alle alten sind gut. Vielleicht sicherheitshalber im deutschsprachigen Raum bleiben? Hans Falladas „Wolf unter Wölfen“ zeigt, was die Wirtschaftskrise mit den Menschen macht. Und die Einakter Schnitzlers, etwa „Eine überspannte Person“, werfen einen bösen, präzisen Blick in die männliche Seele.

Aufbau Verlag

Wer die Zeitgenossen bevorzugt, dem sei die Onleihe der Büchereien der Stadt Wien empfohlen. 30 Euro kostet die Jahreskarte, Kinder zahlen nichts, die App funktioniert tadellos und selbsterklärend. Leider ist das Format nicht Kindle-kompatibel. Weiterer Nachteil: Nach zwei Wochen ist Schluss, verlängern ist nur möglich, wenn niemand vorgemerkt ist. Und auf Neuerscheinungen muss man warten. Aber wie wäre es mit Bov Bjergs „Auerhaus“? Für alle, die „Tschick“ mochten. Der Autor liest kommende Woche um den Bachmann-Preis. (best)

Kurzes für die Anreise

Man muss seinen Urlaub nicht damit vertändeln, im Flugzeug oder im Zugabteil, als Beifahrer im Auto oder im Bus blöde auf sein Smartphone zu starren, um bestätigt zu kriegen, was nun doch weit weg sein sollte – das Wetter in Wien, die Kurse in London, die Mails aus dem Büro. Nein, man kann sich ein paar Büchlein auf die Reise mitnehmen, die den Urlaub zum schönen Erlebnis machen, selbst wenn es regnet auf Madeira oder schneit am Nordkap mitten im Juli. Am besten beginnt der Ferienleser die Lektüre bereits auf dem Flughafen oder im Bahnhof.

Wie wäre es zum Beispiel mit Milena Michiko Flašars bezaubernder Geschichte „Herr Katō spielt Familie“? Die in Sankt Pölten geborene, in Wien lebende Autorin, die bereits am Theater reüssierte, hat ein kurzweiliges Buch über den Unruhestand im Ruhe

Wagenbach Verlag

stand geschrieben, voller Poesie und Witz. Ausgerechnet auf dem Friedhof hat der Protagonist eine Begegnung, die sein Leben verändern wird. Ein frischer Rentner bekommt eine neue Aufgabe. Das Leben – dieses Amalgam aus Erinnerungen, Sehnsüchten und Momenten des Glücks – bietet bis zum Ende Überraschungen.

Mehrfach ausgezeichnet wurde der in Lyon geborene Regisseur und Schriftsteller Éric Vuillard für seine historischen Vignetten in „Die Tagesordnung“ (Matthes & Seitz, 118 Seiten, 18,50 €). Er erhielt dafür u.a. den renommierten Prix Goncourt. Vuillard hat politische Ereignisse zwischen 1933 und 1938 literarisiert. Sein Blick hinter die Kulissen der Macht in bleierner Zeit hat die nötige Kälte, er ist genau. Vuillard führt den Leser zum Beispiel im Februar 1933 zu einem konspirativen Treffen deutscher Großindustrieller mit Hermann Göring und Adolf Hitler im Reichtagspräsidentenpalais. Die Nazis brauchen Geld für den Wahlkampf. Es wird abkassiert. Willig machen sich die Reichen zu Vollstreckern des Regimes. Dass die Demokratie abgeschafft wird, stört sie nicht. Ein Abschnitt beschäftigt sich mit dem Anschluss von Österreich: Bundeskanzler Kurt Schuschnigg im Februar 1938 bei Hitler auf dem Berghof. Ein erbärmliches Schauspiel, ein Gangsterstück, das die Invasion vorwegnimmt. Schließlich „akzeptiert Schuschnigg ohne zu mucken. Als hätte er ein Zugeständnis errungen, beugt er sich, am Ende seiner Kräfte, einem noch verheerenderen Abkommen als dem ersten.“

Kurz, schlicht und auch ohne süßliches Sentiment ist der erste Roman der im sowjetischen Kursk geborenen, seit 1987 in Wien lebenden Autorin Ljuba Arnautović: „Im Verborgenen“ (Picus, 193 Seiten, 22 € ). Genofeva ist die unscheinbare Heldin dieses vor allem in Wien spielenden, auf wahren Begebenheiten beruhenden Textes über die Schrecken des 20. Jahrhunderts. „Tante Eva“ (nach der Großmutter der Autorin) rettet Leben, sie begibt sich dabei in tödliche Gefahr. Dieses spannende Buch mit seinen dokumentarischen Einsprengseln ist eine Geschichte voll Liebe und Verlust, ein Plädoyer für die Menschlichkeit.

Man kann auf Reisen klüger werden – etwa durch Poesie, jedenfalls durch Ruth Klüger. Gedichte haben ihr einst geholfen, das Konzentrationslager zu überleben, bemerkte die in Wien geborene, 1945 aus dem KZ geflüchtete, in den USA lehrende Literaturwissenschaftlerin. In „Gegenwind“ sind zwölf deuts

Picus Verlag

che und neun englische Gedichte sowie ihre Interpretationen aus der „Frankfurter Anthologie“ vereint. Fachkundig, pointiert legt die Autorin sie aus. Der Bogen reicht von Adelbert von Chamisso im 19. Jahrhundert, einem „Exilanten in deutscher Sprache“, bis in die Gegenwart zu Durs Grünbein, der „die Tradition immer mit im Gepäck hat“, von einem Sonett der Viktorianerin Elizabeth Barrett Browning bis zu Jane Hirshfield, die 2017 beim „March of Science“ die Dichtkunst verteidigte. Also: Kurz entschlossen lesen! (norb)

Dickes für den Urlaub

Ein Pastor reist in eine nahe Galaxie, um im Auftrag eines ominösen Konzerns die Bewohner des Planeten Oasis zu missionieren: Allein mit diesem – Science-Fiction-feindliche Leser leicht abschreckenden – Plot hat sich der in Australien aufgewachsene, heute in Schottland lebende Michel Faber was getraut. Dabei ist der neue Roman des unberechenbaren Autors alles mögliche Großartige, aber sicher kein Genre-Werk. Vor allem erkundet es, in eine süffige und doch leise Handlung und Sprache gekleidet, was Liebe und Glaube unter extremen Bedingungen aushalten können.

In „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ werden Peter, der Pastor, und seine Frau Beatrice (man denkt da an den Dichter Petrarca und seine Geliebte) durch die Mission getrennt und leiden sehr daran. Sie schreiben einander, aber die Entfremdung scheint unaufhaltsam: Auf der Erde häufen sich die Katastrophen, auf Oasis lebt sich Peter immer mehr in den Alltag mit den Oasiern ein, deren „Gesicht“ aussieht wie eine „Plazenta mit zwei Föten“. Sie gieren nach den Botschaften im „Buch der seltsamen Dinge“ (ihr Name für die Bibel), sogar noch mehr als nach der Medizin, die die von der Erde gekommenen Aliens bringen. Der Missionar war ihre Bedingung für weiteren Handel. Vertrautheit kommt auch mit Grainger auf, der einzigen Frau auf der Basis.

Kein & Aber Verlag


„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist in der Art, wie es erzählt, erfüllt von dem, wovon es erzählt: von den fürchterlichen Begrenzungen des Körperlichen und der Hoffnung, sie zu überwinden. Man sollte sparsam mit autobiografischen Literatur-Interpretationen sein – aber die Zärtlichkeit und Traurigkeit dieses Romans (und vielleicht auch diese ausufernde Empfehlung hier) wird man vielleicht doch besser verstehen, wenn man weiß, dass die Frau des heute 58-jährigen Autors an Krebs starb, als er diesen Roman fertig schrieb.

Fast jeder will wohl im Urlaub die Trauer der anderen meiden. Aber was, wenn sie einen literarisch so beglückt? Mit „Lincoln im Bardo“ ist es das Gleiche. US-Autor George Saunders erhielt für seinen ersten Roman nach so vielen preisgekrönten Short Stories den Man Booker Prize. 1862, mitten im Bürgerkrieg, verlor der US-amerikanische Abraham Lincoln seinen elfjährigen Sohn Willie, Saunders erzählt im Wesentlichen vom Todestag, dem Tag der Beerdigung und der Nacht danach, in der Abraham Lincoln mehrmals zur Grabkammer geht und den Sarg öffnet, um seinen Sohn zu umarmen.

Aber was heißt hier „erzählt“? Lauter – ja fast nur Untote kommen hier im ständigen Wechsel zu Wort, meist nur ein, zwei Sätze lang; unruhige Geister, die sich nach dem Leben sehnen und die Lebenden durchdringen. Grandios – doch eine Warnung: Stilistisch ist das die Antithese zu Michel Fabers Roman, schwierige Kost.

Eine Frau wandert mit ihrer neunjährigen Tochter und ohne sie an britischen Flussläufen entlang, immer stromaufwärts, zur Quelle. Viele britische Leser sind schon mit Katharine Norbury mitgewandert, dank ihrem in ihrer Heimat mehrfach

Matthes & Seitz Verlag

ausgezeichneten autobiografischen Buch „Die Fischtreppe“. Das ist eigentlich kein Wälzer, aber doch ein Buch, das Zeit braucht, in Ruhe gelesen sein will. Wundervoll kann Norbury über das Sich-Bewegen und Sich-Finden in Landschaften erzählen, deren Zauber im Detail aufspüren.

Und was ist eigentlich eine Fischtreppe? Eine Einrichtung, die es Fischen ermöglichen soll, Staudämme oder Wasserfälle zu überwinden, von Stufe zu Stufe, gegen den Strom hinauf. Vielleicht sollte man an dieser Stelle gar nicht erwähnen, dass diese wasserreiche Selbstfindung auch hier von einem Verlust angetrieben wird. Dieses Buch macht jedenfalls nicht traurig – das ist fast ein Versprechen. (sim)