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Gambia: Nur ein kleines Land, doch ein guter Fang

theroadto2010.com
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Wie sich Japan durch Kühlschränke Freunde in der Internationalen Walfangkommission kauft. Fst alle Küstenländer Westafrikas, aber auch Binnenländer wie Mali, sind Empfänger japanischer Finanzhilfe.

In bunten Röcken und mit Tüchern um den Kopf gehen Frauen und Mädchen vor dem gambischen Örtchen Gunjur ins Meer. Auf ihren Köpfen balancieren sie Plastikbottiche. Das Wasser reicht ihnen bis zum Hals, wenn sie die Fischerboote erreichen. Damit die nicht anlegen müssen, holen die Frauen den Fang dort ab. Zwischen bunt bemalten Holzboote schaukeln einige aus Glasfaser.

„Es geht um Menschlichkeit“, lacht Malang Nyassi, seine Dreadlocks hüpfen unter der Häkelmütze in Jamaika-Farben. Da würden die Japaner so denken wie die Gambier. „Darum sind wir auch befreundet“, fügt der 32-Jährige hinzu, während er in Richtung der Kühlhallen schlendert. Die sind wie die Glasfaserboote und einige der Räucherhallen nämlich ein Geschenk aus dem fernen Tokio.

An eine selbstlose Geste glaubt „Greenpeace“ nicht. Die Umweltschützer werfen Japan Stimmenkauf vor. In der Internationalen Walfangkommission (IWC) werden Regeln für den Walfang ausgehandelt, jedes der 88 Mitgliedsländer hat eine Stimme. Japan investiere gezielt in armen Ländern, heißt es. Neben kleinen Südseestaaten sind fast alle Küstenländer Westafrikas, aber auch Binnenländer wie Mali, Empfänger japanischer Finanzhilfe.

 

Wie wenig Geld viel erreicht

Gambia ist ein guter Fang. In Afrikas kleinstem Land (ein wenig kleiner als Tirol, ca. 1,7 Mio. Menschen), das sich wie ein Wurm entlang beider Ufer des Gambia-Flusses zum Meer erstreckt, liegt das Jahreseinkommen im Mittel bei ca. 1000 Euro. Die Führung gilt als korrupt, kleine Investitionen zeigen viel Wirkung, einmal „an Land gezogene“ Persönlichkeiten werden nicht durch demokratische Mechanismen blockiert.

1999 bis 2007 zahlte Japan Projekte in Höhe von zehn Mio. Euro. 2005 trat Gambia der IWC bei und unterstützt seither Japan. Etwa bei der „St.-Kitts-Deklaration“ von 2006, einem ersten Schritt zur Lockerung der Walfangregeln, zu der Tokio drängte. Die Kühl- und Räucherhallen sind ein Segen für Gunjurs Fischer: „Wir müssen nicht mehr ganze Ladungen wegwerfen, wenn die Hallen zum Räuchern und die Tische zum Trocknen voll sind“, sagt Malang. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass bis zu 30 Prozent des gambischen Fangs wegen mangelnder Verarbeitungsmöglichkeiten verloren gehen.

„Dank“ der Überfischung passiere das in Gunjur aber nur mehr selten, so Malang. Dann bringt ein einzelnes Boot Fisch im Wert von bis zu 7000 Dalasis (190 Euro). Das Geld werde unter dem Bootseigner, dem Captain und bis zu 30 Fischern geteilt, die am Fang beteiligt waren. An schlechten Tagen sind es etwa 200 Dalasis. Da bleiben für jeden nur ein paar Euro-Cent.

Rund 30.000 Gambier leben von Fischerei im kleinen Stil. Sie fangen vor allem Barsche, Brassen, vereinzelt Flundern. Einen kommerziellen Hafen gibt es an der 80 km langen Küste nicht; die Rechte an den fischreichen Gründen weiter draußen haben Europäer und Asiaten, für Japaner gelten Sonderregeln beim Thunfisch. Auf Hochseeschiffen arbeiten nur ca. 2000 Gambier.

Auch abseits der großen kommerziellen Fischerei werden lokale Fischer ausgegrenzt. „Die Senegalesen kommen mit ihren Booten“, so Malang. Andere Fangtechniken und Lohnmodalitäten machten es für Gambier schwierig, bei den Nachbarn anzuheuern. Mit 60 zu 40 Booten dominieren die Senegalesen vor Gambia. Die Fischer in Gunjur machen sich nichts daraus: Sie teilen sich mit den Senegalesen die Anlagen der Japaner.

Dort herrscht reges Treiben. Aus den Räucherhallen qualmt es, auf Tischen liegen ausgenommene und gesalzene Fische zum Trocknen. Klapprige Mitsubishi-Kühlwagen bringen unverarbeiteten Fisch ins nahe Brikama. Die Aufschrift „Gambia-Japan Cooperation“ ist verblasst, ebenso Malangs Erinnerung an das letzte Mal, als er einen Japaner sah. Das wird sich bald ändern, denn Japans aktuelles Projekt ist der neue Fischmarkt in Brikama. 140 Stände mit Kühlanlagen, gesponsert vom Baukonzern „Iwata Chizaki Inc.“, warten auf ihre Eröffnung.

 

Die Chinesen waren's!

Gambias Präsident Yahya Jammeh wird kommen, gemeinsam mit Vertretern des Spenders. Gut fürs Image beider Seiten. Auch hiesige Händler, die zwischen Orangen, Handys und Pfannen auch Fisch verkaufen, freuen sich auf die Feier.

Fragt man die herumstreunenden Burschen, wem sie den Fischmarkt verdankten, sagen sie: „Den Chinesen“ – und ziehen ihre Augen mit Fingern zu Schlitzen. Da wird Japan doch noch ein bisschen nachinvestieren müssen...

DAS PROJEKT

Das Autorenduo Anna Mayumi Kerber und Niels Posthumus durchquert auf dem Weg zur Fußball-WM im Juni in Südafrika Afrika von Marokko bis zum Kap der Guten Hoffnung; dort wollen die Vorarlbergerin und der Holländer bis zur WM sein. Ihre Berichte unter dem Motto „The Road to 2010“ erscheinen als Serie in der „Presse“.

www.theroadto2010.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2010)