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Nachruf: „Shoah“-Regisseur Lanzmann ist tot

„Ich bin kein Freund der Menschheit“, meinte Lanzmann verärgert (hier 2016 in Paris posierend), als Frankreichs damaliger Präsident, François Hollande, ihn 2014 so nannte, „im Gegenteil, ich habe Angst vor den Menschen. Wenn ich Menschen sehe, sehe ich Mörder.“
„Ich bin kein Freund der Menschheit“, meinte Lanzmann verärgert (hier 2016 in Paris posierend), als Frankreichs damaliger Präsident, François Hollande, ihn 2014 so nannte, „im Gegenteil, ich habe Angst vor den Menschen. Wenn ich Menschen sehe, sehe ich Mörder.“(c) APA/AFP/JOEL SAGET
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Sein neunstündiges Dokument der Vernichtung sollte die fehlenden Bilder aus den Gaskammern ersetzen, er brachte unbeirrt und schlau Opfer und Täter zum Reden: Filmemacher Claude Lanzmann starb mit 92 Jahren in Paris.

Die radikale Rücksichtslosigkeit dieses Mannes war berüchtigt. Sie brachte ihn etwa dazu, im Hotel Sacher in Wien das servierte Sandwich mit den Worten „Was ist das für eine Sauerei?!“ zu begrüßen. Und sie brachte einen der wichtigsten Filme über den Holocaust hervor. Ohne sein stures Vorwärtspreschen und sein außerordentliches Selbstbewusstsein hätte der Franzose Claude Lanzmann wohl nicht zwölf Jahre an seinem monumentalen Filmprojekt „Shoah“ gearbeitet, gegen schier unüberwindliche Widerstände Opfer und Täter aufgespürt und zum Reden gebracht und einen über neun Stunden dauernden Film daraus gemacht, der zum Meilenstein der Erinnerung an die NS-Zeit werden sollte.

Er machte den Begriff Shoah bekannt

Claude Lanzmann, ist am Donnerstag in Paris verstorben, mit 92 Jahren. Zwölf Jahre davon hat ihn sein Hauptwerk beschäftigt, der 1985 veröffentlichte Film „Shoah“. Ja, mehr noch – denkt man an Filme wie „Sobibor“ (2001), „Der Karski-Bericht“ (2010) oder „Der Letzte der Ungerechten“ (2013). In ihnen verarbeitete Lanzmann Zeitzeugeninterviews, die nicht Eingang in seinen Film „Shoah“ gefunden hatten.

Erst der Titel dieses Films hat den hebräischen, aus der Bibel stammenden Begriff für Katastrophe neben dem bisher in Europa gebräuchlichen, Holocaust, bekannt gemacht. Lanzmann, ein Enkel osteuropäischer Juden, drehte an den Orten ehemaliger KZ, mit Zeitzeugen, ohne jedes Archivmaterial – und mit ungeheurem Anspruch: einen Film zu machen, der die nicht existierenden Bilder vom Tod in den Gaskammern ersetzen sollte, nein, noch mehr: der die Shoah – nicht zeigen, sondern, wie er es ausdrückte, „sein“ sollte! Und zwar mehr als alle originalen Bilder: Hätte er Filmmaterial über den Tod von Menschen in den Gaskammern gefunden, sagte Lanzmann einmal, er hätte es zerstört. Sein Film sollte „das Gedächtnis des Grauens“ schlechthin werden, wie Lanzmanns Geliebte Simone de Beauvoir es nannte.

Gemeinsam mit ihr und seinem Freund Jean-Paul Sartre gab Lanzmann als junger Journalist und ehemaliger Résistance-Kämpfer die Zeitschrift „Les Temps Modernes“ heraus. Doch die Freundschaft mit Sartre schwand, nicht zuletzt durch Sartres kritische Haltung zum Staat Israel – über den Lanzmann seinen ersten Dokumentarfilm „Warum Israel“ (1970) drehte.

Der zweite war schon „Shoah“. Einzig der kollektive Tod sollte sein Thema sein, nicht Helfen, nicht Gerettetwerden. Lanzmann spürte Überlebende auf, wie den jüdischen „Friseur von Treblinka“, der den Opfern vor dem Eintritt in die Gaskammer die Haare schneiden musste. Auf der Suche nach Tätern musste er unzählige Male aufgeben – etwa bei den Chefs der an der Judenvernichtung zentral beteiligten SS-Einsatzgruppen. Fast hätte er dem in Auschwitz stationierten SS-Unterscharführer Perry Broad Informationen entlockt, erzählt er in seinen 2009 erschienen Memoiren – doch die in der Tasche versteckte Kamera begann zu rauchen, Lanzmann floh aus dem Haus. Doch er ließ nicht locker, brachte einige Täter zum Reden.

Er nannte Überlebende „Wiedergänger“

Die Seele der Mörder interessierte Lanzmann nicht. Er fand sie platt, leicht zu verstehen. Nur Details über den Ablauf der Vernichtungsarbeit wollte er erfahren, wenn er etwa im Wohnzimmer jenes Mannes saß, der in Treblinka für die Abwicklung der ankommenden Transporte verantwortlich war. Als Informationslieferanten dienten ihm auch die Überlebenden. In seinen Memoiren zeigt sich ein Anflug von Reue darüber: Da ihn nur der kollektive Tod interessierte, habe er die persönlichen Schicksale der „Wiedergänger“ (so nannte Lanzmann die Überlebenden) in seinem Film ausgeblendet – ja, gewissermaßen „getötet“.

Die totale Ausblendung des Helfens und Überlebens wurde immer wieder auch kritisiert. Ebenso die Positionierung des Filmemachers als unfehlbarer, im Besitz der Wahrheit befindlicher Richter.

Doch auch wenn es in seinem Werk kaum erkennbar war – Lanzmann war nicht nur der Mann der „Kopfsprünge“ und „Sturzflüge ins Leere“ (wie er einmal seine wichtigen Entscheidungen nannte) und nicht nur ein Inbegriff der Selbstgerechtigkeit. Ja, vielleicht sollten Filme wie „Shoah“ sogar ein wenig helfen, nagende Unsicherheit zu ersticken. Seine größte Angst sei es immer gewesen, „feige zu sterben“, bekannte Lanzmann als alter Mann in seiner Autobiografie. Diese Sorge habe sein Leben, das er maßlos geliebt habe, vergiftet. Und er erzählt von einer Kindheitserinnerung in den Fünfzigern: Einmal habe seine unverkennbar jüdisch aussehende Mutter den Verkäufern in einem Geschäft eine Szene gemacht – da sei er aus Scham davongelaufen. „Ich habe mich an diesem Nachmittag wie ein echter Antisemit aufgeführt, in seiner schlimmsten Variante, dem antisemitischen Juden.“

„Sehe ich Menschen, sehe ich Mörder“

2017 zeigte Lanzmann in Cannes seinen letzten Film, „Napalm“ über den Korea-Krieg, kurz nachdem sein 23-jähriger Sohn Félix an Krebs gestorben war – der Schmerz darüber bestimmte Lanzmanns letzte Lebenszeit. François Hollande hatte ihn 2014 anlässlich der Überreichung des nationalen Verdienstordens als „Freund der Menschheit“ bezeichnet – Lanzmann gefiel das gar nicht: „Ich bin kein Freund der Menschheit“, stellte er in einem Gespräch klar, „im Gegenteil, ich habe Angst vor den Menschen. Wenn ich Menschen sehe, sehe ich Mörder.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2018)