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China/USA: Willkommen im echten Handelskrieg

Die US-Zollbehörden planen, ab Freitagmorgen Zölle auf mehr als 800 chinesische Produkte, von elektronischen Geräten bis hin zur Glühbirne, einzuheben.
Die US-Zollbehörden planen, ab Freitagmorgen Zölle auf mehr als 800 chinesische Produkte, von elektronischen Geräten bis hin zur Glühbirne, einzuheben.(c) imago stock&people (imago stock&people)
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Alles Bisherige war nur ein Aufwärmen, ein Abtasten. Nun schlagen die USA und China im globalen Disput erstmals richtig zu. Es könnte ein langer und brutaler Kampf werden – der auch auf Europa übergreift.

New York. Bis zuletzt hofften Ökonomen und Firmenchefs weltweit, dass die beiden größten Volkswirtschaften davon absehen, wie angekündigt gegenseitige Strafzölle auf Waren im Wert von 34 Mrd. Dollar einzuführen. Bis zuletzt deutete nichts auf eine Einigung hin. Und so beginnt am Freitag aller Voraussicht nach eine neue Zeitrechnung im globalen Welthandel.

Lange hatten sich Wirtschaftstreibende und Politiker dagegen gewehrt, offiziell von einem Handelskrieg zu reden. Das machte Sinn: Sowohl die USA wie auch China sprechen zwar seit Monaten über mögliche Zölle auf Produkte im Wert von Hunderten Milliarden Dollar. Die tatsächlichen Strafmaßnahmen, sowohl zwischen Washington und Peking wie auch zwischen den USA und Europa, waren aber bislang überschaubar. Damit ist nun Schluss.

Also: Willkommen im Handelskrieg. Die US-Zollbehörden heben ab Freitagmorgen Zölle auf mehr als 800 chinesische Produkte, von elektronischen Geräten bis hin zur Glühbirne, ein. China hat bereits einen "notwendigen Gegenangriff" angekündigt, wie genau dieser aussehen wird, ist zwar noch unklar. Vorab war aber die Rede davon, Zölle auf mehr als 500 US-Produktgruppen zu kassieren, von Reis über Weizen bis hin zu Joghurt. Bei dem genannten Wert von 34 Mrd. Dollar handelt es sich um die jährlichen Importe dieser Warengruppen.

Selbst wenn Washington und Peking nochmals an den Verhandlungstisch zurückkehren sollten: Eine weitreichende Einigung wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Zu lange wurde gestritten, zu weit auseinander sind die Verhandlungspositionen zwischen Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping. Im Gegenteil: Schon in den nächsten Tagen könnten beide Seiten Zölle auf weitere Importe in Höhe von 16 Mrd. Dollar einheben. Und sollte sich China tatsächlich in vollem Ausmaß revanchieren, hat das Weiße Haus bereits mit zusätzlichen Maßnahmen gedroht und dabei sowohl von 100 Mrd. wie auch von 200 Mrd. und 450 Mrd. Dollar gesprochen.

 

Schikanen statt Zölle

Bis dahin ist freilich noch ein Stück zu gehen, doch wenn es dazu kommt, wäre eine globale Rezession durchaus wahrscheinlich. Zur Einordnung: Im Vorjahr importierten die USA aus China Waren im Wert von 505 Mrd. Dollar. Das ist mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung Österreichs. Wenn Washington tatsächlich Ernst macht und im Prinzip auf sämtliche Einfuhren aus China Strafzölle einhebt, würde das zu einem Einbruch des Warenflusses zwischen den beiden mächtigsten Handelspartnern der Welt führen.

Peking könnte sich nominell gar nicht ausreichend revanchieren: 2017 führte China US-Produkte im Wert von nur 130 Mrd. Dollar ein. Das bedeutet aber nicht, dass Chinas Machthabern die Hände gebunden wären. Für viele amerikanische Firmen ist Asien der Wachstumsmarkt schlechthin. Und Peking hat bereits mehr oder weniger offen damit gedroht, etwa US-Ketten wie Starbucks oder McDonalds das Leben mit unrealistischen Hygienevorschriften schwer machen zu können. Grundsätzlich sind sich beide Seiten bewusst, dass eine Reduktion des Freihandels zu einem geringeren Wohlstandsniveau sowie zu einer globalen Rezession führen könnte. Die Arbeitsteilung und die Konzentration auf die eigenen Stärken haben in Asien vielen hundert Millionen Menschen den Weg aus der Armut geebnet und im Westen für günstigere Produkte für die Konsumenten gesorgt. Doch geht es im Kampf zwischen Peking und Washington schon längst nicht nur um Zölle und Warenflüsse. Trump stört vor allem die Tatsache, dass China mit Zwangsmaßnahmen versucht, den technologischen Vorsprung der USA zu reduzieren. So müssen etwa US-Technologiefirmen in China Joint Ventures mit lokalen Unternehmen eingehen, während sich chinesische Konkurrenten verhältnismäßig frei auf dem US-Markt bewegen können.

 

BMW als großer Verlierer

China zeigt sich zwar bei den Zöllen verhandlungsbereit und hat unter anderem jene auf Autos zwischenzeitlich von 25 Prozent auf 15 Prozent reduziert. Generell liegen die durchschnittlichen Tarife aber immer noch deutlich über jenen der USA. Und im Technologiebereich will Peking weiterhin die Oberhand über US-Firmen haben. Außerdem betonte die chinesische Führung stets, sich nicht von Strafandrohungen einschüchtern zu lassen. Noch ist unklar, wer im Handelskrieg zwischen den beiden weltgrößten Volkswirtschaften am längeren Ast sitzen wird.

Zu komplex sind die globalen Warenflüsse, zu viele andere Faktoren beeinflussen den Disput. So zählt beispielsweise der deutsche Autobauer BMW zu den größten Verlierern, weil er die X-Serie in den USA produzieren und von dort unter anderem nach China exportieren lässt.

Im Schatten des Streits mit China verhandelt Trump derzeit auch mit der EU, Kanada und Mexiko über eine Neuordnung des Handelssystems – und hat bereits Strafzölle auf Stahl und Aluminium einführen lassen. Brüssel und Ottawa revanchierten sich, doch geht es bislang um einstellige bzw. niedrige zweistellige Milliardenbeträge. Eine Eskalation ist auch hier nicht ausgeschlossen. Willkommen im Zeitalter des wiederkehrenden Protektionismus.

Auf einen Blick

Ab Freitag wollen die USA und China Strafzölle auf Importe im Wert von jeweils 34 Mrd. Dollar einheben. In einem weiteren Schritt könnte Donald Trump einen Warenwert von Hunderten Milliarden Dollar ins Visier nehmen. Auch hier droht Peking mit Gegenschlägen. Das Handelssystem würde dadurch in seinem Fundament erschüttert werden, eine globale Rezession wäre als Folge durchaus möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2018)