Die Partei mit sechs Altobmännern

Die Wiener ÖVP wechselt ihre Chefs wie Frank Stronach seine Trainer: Was aus Mareks Vorgängern wurde.

WIEN. Es war Ehrlichkeit, wie sie in der Politik selten anzutreffen ist. Auf die Frage „Können Sie alle Ihre zahlreichen Vorgänger aufzählen?“, antwortete Christine Marek im November 2009 im „Presse“-Interview mit einem knappen „Nein!“.

Die Antwort der designierten Chefin der Wiener VP, die heute, Samstag, offiziell gewählt wird, ist nachvollziehbar. Denn die Wiener VP wechselt ihre Chefs wie Frank Stronach seine Trainer damals beim Fußballklub Austria oder die ÖBB ihre Vorstände: Marek ist die 16. Parteichefin seit 1945, und „Die Presse“ ging der Frage nach: Was wurde aus Mareks Vorgängern?
•Erhard Busek (1976–1989). Manche in der Wiener VP trauern der Ära Busek nach. Das liegt nicht daran, dass Busek Gründungsmitglied des katholischen Laienbündnisses ist, das die Abschaffung des Pflichtzölibats und die Diakon-Weihe von Frauen fordert. Unter Busek erlebte die Wiener VP mit dem Konzept der „Bunten Vögel“ (eine liberale, offene und grün angehauchte Ausrichtung) ihre goldenen Zeiten (1983: 34,8 Prozent bei der Wien-Wahl). Heute ist Busek u. a. Vorstand des Instituts für den Donauraum und Präsident des Forums Alpbach.
•Wolfgang Petrik (1989–1991).
Der natürliche Feind eines Wiener VP-Chefs sind die eigenen Funktionäre. Wolfgang Petrik benötigte (zu) lange, um dieses ungeschriebene Gesetz zu lernen und wurde 1991 öffentlich demontiert. Als VP-Chef war Petrik bei Wiener Wahlen zwar auch nicht besonders erfolgreich, dafür schaffte er es in den deutschen „Spiegel“ – als er seine Pressesprecherinnen im Büro unter Hausarrest stellte, nachdem diese wegen „Brutalität, Rotzigkeit und Aggressivität“ Petriks gekündigt hatten. In die Ära Petrik fiel auch eine von der ÖVP initiierte Volksabstimmung, der nur 6,11 Prozent der Wiener folgten. Nach seiner Politkarriere heuerte Petrik u. a. bei einem Wohnbauträger an; heute ist er in Pension.
•Heinrich Wille (1991–1992). Der natürliche Feind eines Wiener VP-Chefs sind die eigenen Funktionäre – Teil zwei. Heinrich Wille wurde abgesägt, bevor er diese Lektion lernen konnte. Er schuf dafür Aussagen wie: „Ich verwende keine Fremdwörter, bilde nur kurze Sätze und spare mit Zitaten. Ich will verstanden werden.“ Nach seiner Demontage ging der grün orientierte VP-Politiker in seinen Beruf als Rechtsanwalt zurück; heute ist er in Pension.
•Bernhard Görg (1992–2002). „Ich bin nicht so nett, wie Sie immer schreiben.“ Das stellt Bernhard Görg noch heute klar, nachdem „Die Presse“ dem damaligen Wiener VP-Chef mangelnde Durchschlagskraft im Intrigantenstadl der Wiener VP unter dem Motto „Nett, aber erfolglos“ vorgeworfen hatte. Nach 2002 hat Görg eine (erfolgreichere) Karriere als Theatermacher gestartet. Sein neuestes Stück „Wendehälse und kalte Fische“ feiert am 16. März in Wien im Theater-center-Forum (Porzellangasse 50) Premiere.
Alfred Finz (2002–2005). Der Ex-Finanzstaatssekretär war 2002 die Notlösung, die 2005 wieder abgesägt wurde. Nach einem Gastspiel bei einer Lobbying-Agentur ging Finz in Pension, besitzt in der VP aber noch ein paar Ehrenämter.
•Johannes Hahn (2005–2009). Der italophile, intellektuelle Wiener wirkte nach außen nett, räumte in dem VP-Intrigantenstadl allerdings kompromisslos auf. Heute ist die Partei ähnlich brustschwach wie früher, dafür aber geeint – und Hahn ist EU-Kommissar in Brüssel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.