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Wenn alles Sünde ist

Die öffentliche Debatte über sexuellen Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche greift zu kurz. Die Kirche als Ganzes müsste sich ändern: So ziemlich alles, was sie in den vergangenen Jahrhunderten zum Thema Sexualität von sich gegeben hat, ist obsolet.

Eigentlich dachte man, nach Bekanntwerden des Falls Hans Hermann Groër und dem Outing der Opfer auch anderer Priester wisse man Bescheid über die Dimensionen sexuellen Missbrauchs in Institutionen der katholischen Kirche. Was jetzt in Österreich ans Tageslicht kommt, ist auch für viele Katholizismus-Insider kaum zu fassen. Und in Deutschland: Vom Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten bis zum Benediktinerkloster Ettal in Bayern – der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen scheint „flächendeckend“ vor sich gegangen zu sein; 18 der 27 Bistümer sind mittlerweile betroffen. Auch die Erzdiözese München – und auch zu der Zeit, als der jetzige Papst dort Erzbischof war. Und bei den Regensburger Domspatzen gab es ebenfalls Missbrauchsfälle – zum Teil in der Zeit, als sie vom Bruder des jetzigen Papstes geleitet wurden. Kein Wunder, dass der Vatikan ziemlich schweigsam ist – als es um Irland ging, konnte der Papst noch vollmundige Erklärungen abgeben.

Sonst haben derzeit in der katholischen Rhetorik die naiv Zerknirschten und betulich Erschütterten Hochkonjunktur. Für sexuellen Missbrauch könne es nur Reue, die Bitte um Vergebung und das Bemühen um Heilung der Wunden geben, meinte etwa Kardinal Schönborn. Man soll solche Aussagen nicht vorschnell als pastoralen Schwurbel abtun, denn erst vor Kurzem hat uns ein Jesuit vorgeführt, wie aggressiv der Katholizismus noch immer sein kann: Pater Eberhard von Gemmingen – er war immerhin von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan – verglich die Situation des Jesuitenordens angesichts der Missbrauchsfälle mit den Angriffen auf die Juden, die zum Holocaust geführt haben. Andere Kirchenvertreter haben bösartige Nebelgranaten wie „Missbrauch ist ja nicht nur ein Problem der katholischen Kirche“ in die öffentliche Debatte geworfen. Verglichen damit sind Schönborns Aussagen und die jüngst beschlossenen Regeln der österreichischen Bischofskonferenz für den Umgang mit Missbrauch geradezu mutig – vor allem die zutreffende Aussage, man habe in der Kirche oft die Täter mehr geschützt als die Opfer.

Außerdem bin ich sowieso der Letzte, der in dieser Hinsicht jemanden der Naivität zeihen dürfte – vor 15 Jahren war ich so naiv wie Kardinal Schönborn: Ich habe es einfach nicht geglaubt, dass die Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Groër stimmen könnten. Und ich bekenne mich zu dieser Naivität – gerade gegen jene Katholiken, die mich damals fragten, ob ich denn nicht mitbekommen hätte, wovon ohnedies alle hinter vorgehaltener Hand gesprochen und nach außen geschwiegen haben.

Meine frühe Kindheit fällt noch in das konservative Milieu des Katholizismus vor dem Konzil, und ein Benediktinerpater war mir die erste Ersatzfigur für den nicht vorhandenen Vater. Weil ich bei ihm und seiner Umgebung erfahren habe, wie ernst man damals alles nahm, was man nach außen vertreten und von anderen gefordert hat, war es für mich auch als Vierzigjährigen noch unvorstellbar, dass gerade ein konservativer katholischer Priester imstande wäre, so etwas zu tun. Und vor allem habe ich nie eine Situation erlebt, die einem Missbrauch auch nur nahegekommen wäre.

Meine Mutter freilich hat mit etwa 14 Jahren den Missbrauch durch einen Priester erlebt. Bis sie über 80 war, hat sie niemandem davon erzählt; erst als die Verbrechen von Kardinal Groër bekannt wurden, ist es wie ein Schwall aus ihr herausgebrochen. Seit damals weiß ich, warum sie das Internat der Halleiner Schulschwestern in den 1920er-Jahren verlassen hat und warum sie, die vielseitig Begabte, ohne eine formale Bildung geblieben ist, die über die Volksschule hinausging. Und vor allem, warum sie mich vor dem Internat der Erzabtei St. Peter in Salzburg gerettet hat. Denn dahin wollte ich mit zehn Jahren – ich wollte ja Priester werden wie mein Ersatzvater.

In das katholische Gymnasium bin ich dennoch gegangen und habe von einzelnen Lehrern faszinierende Anregungen bekommen. Albert Camus oder Bertolt Brecht, Béla Bartók und Igor Strawinsky – Schriftsteller und Künstler, die mich nachhaltig geprägt haben, wurden mir zuerst von katholischen Priestern vermittelt. Das System dieser katholischen Schule – es war das „Borromäum“ in Salzburg, und über meine Klassenkollegen habe ich auch das Internat kennengelernt – war als Ganzes freilich so schrecklich, dass ich mich noch heute freue, wenn ein katholisches Internat zusperrt. Doch obwohl, wie ich Jahrzehnte später erfahren habe, auch gegen unseren Klassenvorstand Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden, habe ich eine solche Situation nie erlebt. Nur die allgegenwärtige Sexualphobie. Einmal hat mich ein besonders schleimiger sogenannter „Präfekt“ einem Verhör unterzogen, weil er hinter einer pubertären Freundschaft homosexuelle Handlungen befürchtete. Das war peinlich, doch die Illusion, dass der rigorose Umgang mit Sexualität in konservativen Kreisen der katholischen Kirche auch das Verhalten seiner Mitglieder prägt, war dadurch nicht zerstört.

So blieb ich derart naiv, dass mich die Verbrechen Kardinal Groërs schockieren konnten. Ich vermochte die Berichte und die Aussagen der Opfer nicht zu lesen, ohne dass ständig die Frage aufkam: Was, wenn das mir passiert wäre? Sie kommt auch jetzt, 15 Jahre später, auf, wenn ich einzelne Fallgeschichten lese. Und ich weiß: Ich wäre nie mehr auf die Füße gekommen.

Ich bin nur nicht mehr so naiv, dass ich denke, das Ganze sei ein Versagen Einzelner, und Ombudsstellen – so wichtig sie sind – könnten das in Zukunft verhindern. Denn der Missbrauch ist im Katholizismus systemimmanent, es ist geradezu vorhersehbar und verständlich, dass es dazu kommt. Die katholische Kirche bürdet nämlich ihrem (nur aus männlichen Junggesellen bestehenden) Kaderpersonal, den Priestern, ein Moralkorsett auf, das unmenschlich ist: Jedes Ausleben der Sexualität ist lebenslang verboten, jeder Orgasmus kann nur Sünde sein. (Katholische Priester dürfen ja nicht heiraten, Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe gilt als Sünde, Selbstbefriedigung ebenfalls.) Weil jeder weiß, dass das nicht lebbar ist, es aber im autoritären System, dem die beruflich von der Kirche Abhängigen ausgesetzt sind, nicht sagen darf, bildet sich ein Klima der Toleranz für die Übertretungen. Und weil alles zur Sünde erklärt wird, verschwinden – gerade bei den rigiden Unterdrückern der Sexualität – die Unterschiede zwischen dem, was alles als Sünde gilt. Ein prominentes Beispiel dafür ist der in seinem Charisma und seiner Machtgeilheit, seiner Begegnungsfähigkeit wie seiner Fixiertheit auf Sexualverbote hochambivalente Papst Johannes Paul II., der immer wieder Empfängnisverhütung und Abtreibung in einem Atemzug genannt hat. Ein anderes Beispiel sind die Priester, die Kinder missbrauchen; für sie war das wahrscheinlich keine schlimmere Sünde als jede andere Übertretung der absurden Verbote, mit denen sie indoktriniert worden waren.

Klar geworden ist mir das, als ich im ersten Entsetzen über die Untaten Kardinal Groërs einen befreundeten Priester fragte: „Warum hat Groër, wenn er sein Begehren schon nicht unterdrücken konnte, nicht wenigstens daran gedacht, sich einen Strichjungen zu holen, anstatt von ihm psychisch abhängige Kinder zu missbrauchen?“ Mein Freund antwortete: „Das hätte der sich nie getraut.“ Und da hatte er vermutlich recht.

Das bedeutet freilich nicht nur, dass er kein Wissen darüber hatte, wie sexueller Missbrauch ein Leben zerstört, sondern dass er sich (und erst recht nicht anderen) seine sexuellen Bedürfnisse gar nicht eingestehen konnte. Wer sie sich eingesteht, hat die Möglichkeit zu entscheiden, welche er verwirklicht und welche nicht. Wer nur auf die Unterdrückung seines Begehrens fixiert ist, ist ihm, sobald die Dämme brechen, ausgeliefert. Und hat hernach Schuldgefühle, mit denen er sich den unlebbaren Regulierungen seiner Sexualität umso vehementer unterwirft; darum wird die verquere Sexualideologie der katholischen Kirche gerade von denen nicht hinterfragt, die weder mit ihr leben noch sich davon befreien können. Solche Schuldgefühle sind wichtig für ein autoritäres System. Solange Menschen an dieses System glauben und seine Sexualgebote zu erfüllen suchen, bleiben auch die Psychostrukturen, die Missbrauch fördern, und das Klima, das ihn toleriert.

Die katholische Kirche als Ganzes müsste sich ändern; sie müsste öffentlich eingestehen, dass so ziemlich alles, was sie in den vergangenen Jahrhunderten zum Thema Sexualität von sich gegeben hat, obsolet ist. Es halten sich ohnedies selbst die innersten Kernschichten schon lange nicht mehr daran: Ein Großteil der nicht homoerotisch veranlagten Priester hat eine Partnerin, und selbst Theologen und kirchliche Angestellte kümmern sich kaum um das Verbot vorehelicher Sexualität, von der absurden Verurteilung einer „künstlichen“ Empfängnisverhütung ganz zu schweigen. Ich habe noch immer viele Freundinnen und Freunde im katholischen Milieu, kenne aber niemanden, der die Idiotien der Päpste gutheißt, wenn sie in Afrika (und selbst den Aidskranken) Kondome verbieten wollen. Doch wenn sie beruflich für die Kirche arbeiten, dürfen sie das nicht sagen.

Der Zwang, die eigene Meinung und die eigene Lebensform verstecken zu müssen, ist der eigentliche Schaden der rigorosen Sexualverbote. Die Lust konnten die allgegenwärtigen Verbote nämlich auch dann im katholischen Milieu nie ganz unterdrücken, als sie noch eine Wirkung hatten, im Gegenteil: Oft funktionierten sie nach der Formel eines schönen Buchtitels von Helmut Eisendle: „Das Verbot ist der Motor der Lust“. Oder wie es eine Frankfurter Prostituierte in einem Brief an Papst Johannes Paul II. formuliert hat: „Solange Ihr Thron steht, wackelt auch mein Bett nicht.“

Heute brauchen auch Katholiken keine Verbote mehr, um ihre Lust zu leben; nur wer finanziell von der Kirche abhängig ist, wird oft zum Versteckspiel gezwungen: Priester müssen ihre Geliebten verstecken, wenn sie nicht die berufliche Existenz verlieren wollen; Religionslehrerinnen und Religionslehrer können sich gerade noch scheiden lassen, aber wenn danach eine Beziehung publik wird, sind sie ihren Job schnell los. Und vor allem dürfen sie allesamt nicht laut sagen, was sie über die kirchlichen Sexualvorstellungen denken. Schon gar nicht die Theologen. Unter Johannes Paul II. ist nicht nur das Spitzel- und Vernaderungssystem ausgebaut worden: Wer heute (an staatlichen Fakultäten!) Theologieprofessor werden will, wird oft gezwungen, zu einem bestimmten Thema eine von Rom erwünschte Meinung zu publizieren; tut er es nicht, kann er seine akademische Karriere vergessen. Kein Wunder, dass in diesem Klima die Moraltheologie der kirchlichen Lehrmeinung nicht zu widersprechen wagt.

So ändert sich trotz aller Ombudsstellen und öffentlichen Büßermienen nichts an dem System, das den sexuellen Missbrauch Abhängiger systematisch und aus sehr verständlichen Gründen gefördert hat. Nur die Internate sind am Aussterben; und vielleicht auch die katholischen Priester. Doch wo die Kirche als Arbeitgeber noch etwas zu sagen hat, bleibt die Doppelmoral. Aber vielleicht mutiert sie in der Weise, dass jene Untergebenen der katholischen Kirche, die nach den rigiden Verboten nicht leben können, heimlich ihre Sexualität mit Erwachsenen ausleben und nicht heimlich Kinder und Jugendliche missbrauchen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2010)