Hedi Slimane: Die Revolution der Röhre

creations by French fashion designer Hedi Slimane
creations by French fashion designer Hedi Slimane(c) AP
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Eigentlich ist er inzwischen vor allem Fotograf, trotzdem prägt Hedi Slimane noch immer die Mode - auf dem roten Teppich genauso wie bei den "Jerks" im Ghetto von L.A.

Als wir das erste Mal E-Mails austauschten, 2007, hatten Sie Ihre erste Ausstellung in einer Kunstgalerie. Sie zeigten zu Ihren Fotografien Installationen und Lichtobjekte. Was hat sich seither getan?

Hedi Slimane: Nichts hat sich geändert, obwohl ich es jetzt bevorzuge, mich auf eine archaische Definition von Fotografie zu konzentrieren. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Shows gemacht und etwas das Interesse daran verloren, sie zu produzieren. Meine Leidenschaft war immer die Fotografie. Modefotografie ist ein Genre für sich, dem ich mich bisweilen nähere – natürlich mit meinem Hintergrund, der den Prozess organisch macht.

Können Sie die wichtigsten Ziele der Röhrenjeans-Bewegung erklären, die von Ihrer schmalen Silhouette beeinflusst wurde?

Manche Ecken von Los Angeles sind eine Herausforderung, um es vorsichtig auszudrücken; schwierig, mit der schlimmsten Form von Gewalt in den Straßen. Bei dieser Bewegung geht es um Jugendliche, die den Straßen entkommen, soziale Netzwerke schaffen, so wie Facebook oder Myspace, und eine völlig neue Hip-Hop-Subkultur kreieren. Vielleicht ist es die erste ursprüngliche Internet-Hip-Hop-Bewegung überhaupt. „Jerkin“ (Anm.: Tanzstil/Jugendkultur aus L.A.) ist durch Mode, Musik, Tanz definiert. Röhrenjeans und die mageren Proportionen, die ich zu Anfang der Nullerjahre in einem Indie-Rock-Kontext geschaffen habe, sind jetzt Bestandteil der Jerkin-Bildsprache. Das steht im Widerspruch zu „Baggy daddy“-Macho-Proportionen, die sich in der Hip-Hop-Welt etabliert haben. Jerkin ist, so gesehen, eine stille Revolution der Jugend, positiv, voll Freude. Das Ziel, gegen Gewalt auf den Straßen aufzutreten, gab es so noch nicht. Ich hoffe, dass sich das übers Internet verbreitet.

Bei Jerkin geht es darum, sich selbst zu promoten und Geld zu machen – sagt Indigo Vanity, der selbst ernannte größte weibliche „Jerk“ in der Welt. Ist das Ihre Vision für das 21.Jahrhundert?

Man will ja keinen dieser Jugendlichen bevormunden, sondern sie dafür respektieren, dass sie erfolgreich sein wollen. Ich nehme mal an, weder Sie noch ich haben je in den Ghettos von Los Angeles gelebt. Die Jugendlichen treffen einfach die Wahl, dem auf positive Weise zu entfliehen, sie entscheiden sich gegen Armut und Gewalt, wofür ich, soweit ich das sehe, nur Respekt aufbringen kann. Ich gehe davon aus, dass Vanity schlicht eine Unternehmerin im Musikbusiness sein wollte, was am Ende des Tages der Community helfen könnte.

Ihre Internetseite, Ihre Tagebücher scheinen zentrale Kommunikationswerkzeuge zu sein. Welche Rolle hat das Internet in der Kunst – und in der Modeszene?

Noch nicht die, die es haben könnte, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Blogs sind irgendwie archetypisch, jeder ist beschäftigt damit, sich zu unterhalten und darin zu existieren, selbst wenn es nicht viel zu sagen gibt. Visuell gilt das Gleiche. Das wird sich aber ändern, sobald sich kreative Geister wohler damit fühlen, Ästhetik und Visionen voranzutreiben.

Ist Modefotografie heute einflussreicher als das Schaffen von Mode selbst?

In Wahrheit ist es dasselbe. Man schafft Mode durch Design und Fotografie. Ich spreche hier von einer visuellen Mythologie, die genau das ist, was von Mode übrig bleibt, sobald die Kleider weg sind. Sie ist auch das, was im kollektiven Gedächtnis existiert.

Warum ist die Schwarz/Weiß-Ästhetik der Fotografie so wichtig für Sie? Fürchten Sie sich vor Farbe, davor, die Kontrolle zu verlieren?

Bei Schwarz und Weiß geht es um die Reduktion einer visuellen Idee. Es gibt keine Ablenkung vom Subjekt. Es ist auf eine Weise emotionaler und menschlicher. Was die Kontrolle angeht: Das hat nichts mit Farbe zu tun, sondern mit einem Rahmen, mit Komposition und Timing. Du triffst eine Entscheidung, und diese Wahl, diese Schablone, ergibt dann die Fotografie. Darum ist man doch Fotograf: Wenn du das Auge dafür hast, nicht bloß eine Kamera.

Wollen Sie in die Modeindustrie zurück?

Ich glaube, ich habe dort nie wirklich gekündigt. Wenn Sie eine Rückkehr zum Modedesign meinen – das wäre eine andere Sache. Ja, das werde ich, natürlich. Es ist ein Teil von mir – solange ich mich mit einem Projekt wohlfühle. Ich bin in der glücklichen Lage, die Entscheidungen zu treffen, die ich treffen will. Zum Beispiel war ich kürzlich bei den Academy Awards. Meine Proportionen, vom Smoking bis zur Krawatte oder zum Hemd, und die Schnitte ganz allgemein, die ich für Männer geschaffen habe, sind immer noch das, was man auf den Bildschirmen sieht. Nur dass die Luxusmarken meine Proportionen übernommen haben, als ich entschieden habe, eine Pause vom Design zu machen. Also: Wozu die Eile?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2010)

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