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Unerklärlich, tribal, selber schuld: Von der Terra Africana

Afrika ist in erster Linie schwarz, oder wieso wir weiterhin nur das von Afrika wissen, was wir selbst blind behaupten.

Afrika ist Timbuktu, Timbuktu ist Afrika. Natürlich nicht in Afrika selbst, sondern aus europäischer Sicht. Wir leben in einer Welt, aber benutzen verschiedene Globusse. Auf europäischen Karten, sei es von Crescas, Behaim, Mercator, war Afrika die längste Zeit eine Terra Incognita, und auf den kolonialen Karten, die im übertragenen Sinn weiter überwiegend Verwendung finden, nimmt Afrika eine monströse Gestalt an.

Afrika ist am Ende der Welt, wie Timbuktu, Afrika ist unerreichbar, wie Timbuktu es Jahrhunderte lang war, mysteriös, wie Timbuktu es weiter ist. Kein Wunder also, dass die Berichterstattung in unseren Medien über Afrika so vorurteilsbeladen und einseitig, überheblich und klischeehaft daherkommt wie über keinen anderen Kontinent.

Geschichte? In Afrika?? Und selbst wenn sich die Wahrnehmung ändert, wie es im Falle Timbuktus teils passiert ist, verfärbt sie sich in ein anderes Extrem, so als verdiene Afrika kein ausgewogenes, vielfältiges Abbild. Lange hieß es, Afrika habe keine Geschichte, weil keine Schriftlichkeit; nun da man weiß, dass allein in Timbuktu mehr als 100.000 afrikanische Manuskripte lagern, raunen Berichterstatter von einer afrikanischen intellektuellen Präpotenz, die alles Europäische in den Schatten stelle. Spricht man über Afrika, ist alles erlaubt. So als sei noch nie jemand wirklich dort gewesen.

Einer der ältesten Gegensätze: das rationale Europa gegen das atavistische Afrika. Das Zivilisierte gegen das Wilde. Das Sublimierte gegen das Exzessive. Wenn Europäer einander oder andere massakrieren, hat das politische, wirtschaftliche, soziale Hintergründe, wenn Afrikaner Selbiges tun, spricht man von primitiver Gewalt. Das europäische Handeln ertrinkt in Kontextualisierung, das afrikanische durstet einsam und ohne Zusammenhang vor sich hin. All das wirkt unverändert fort, trotz zweier Weltkriege, Holocaust, trotz so vieler schwarzer Flecken auf unserer weißen Weste. Es ist so bequem, das Verblüffende als unverständlich zu brandmarken.

„Der Stamm ist alles.“ „Du musst eines begreifen, in Afrika dreht sich alles nur um die Stammeszugehörigkeit.“ Aphorismen wie dieser entschlüpfen regelmäßig trunkenen Mündern alteingesessener Korrespondenten. Der Völkermord in Ruanda: Hutu gegen Tutsi. Die Massaker in Kenia: Kikuyu gegen Kalenjin. Die Spannungen in Südafrika: Zulu gegen Xhosa. Nutzt man das Wort „tribal“ in europäischem Zusammenhang, wird es von Redakteuren oder Lektoren korrigiert. In Ex-Jugoslawien haben sich doch keine Stämme bekriegt, das waren komplexe Transformationsmechanismen eines zuvor totalitären Systems, das kulturelle und religiöse Differenzen unter den Teppich kehrte. Es ist einfach: In Europa gibt es Nationen, in Afrika Stämme, in Europa Sprachen, in Afrika Dialekte. Wer sich daran hält, wird schnell zum Afrikaexperten.

Aktuellster Hit aus dem Werkzeugkasten der „Ich kam, ich sah, ich siegte“-Berichterstatter: Schluss mit den Schuldzuweisungen an Europa, seine koloniale Vergangenheit und egoistische Gegenwart. Afrika hatte genug Zeit, sich zu entwickeln, ebenbürtig zu werden. Afrika hat es nicht geschafft, also versagt. Mit uns hat das nichts zu tun.

Die Baumwollfarmer in Mali darben, weil sie faul sind, nicht weil hochsubventionierte US-Baumwolle den Weltmarkt überflutet und die Preise ruiniert. Die Minenarbeiter in Sambia ruinieren ihre Gesundheit, weil sie dumm sind, nicht weil globale Konzerne Monopole haben und der, der die körperliche Arbeit erledigt, am wenigsten am Profit beteiligt wird. Die jungen Männer in Sierra Leone und Liberia haben sich aus Lust und Laune Hände und Köpfe abgehackt, und nicht, weil internationale Interessen, sei es der französischen Außenpolitik, sei es der Diamantenwirtschaft, korrupte Politiker bzw. Warlords unterstützt haben. Die Globalisierung gilt für Afrika nicht – es ist Zeit, klar zu sagen, für den Schlamassel sind die Afrikaner selber verantwortlich.

Einheitliches Schwarz. Differenzieren gilt nicht. Als Togos Fußballteam in Nordangola angegriffen wurde, machte man sich hierzulande Sorgen um die Fußball-WM in Südafrika, mehr als 3000 Kilometer entfernt, und mokierte sich später über die Empörung der südafrikanischen Organisatoren. Afrika ist einheitlich schwarz, in jeder Hinsicht. Wer will sich daran stören, dass die Unterschiede zwischen Äthiopien und Gambia so groß sind wie die zwischen Kärnten und Kamtschatka. Über keinen anderen Teil der Welt wird so häufig und leichtfertig gesagt: Afrika ist soundso, die Afrikaner sind dieses oder jenes.

Notabene: Sicher vereinfacht und überspitzt dieser Artikel, aber nicht annähernd so, wie die Berichterstattung über Afrika es tut. Trotzdem, es gibt wunderbare Journalisten und Autoren, die diese eingefahrenen Rillen verlassen. Sie sind leider in der Minderheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2010)

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