„Sweet Country“: Ein Western für die Ureinwohner

Aussichtslose Weite: Was liegt hinter der australischen Steppe? Man wähnt keine Städte und Saloons, sondern schlicht mehr Steppe.
Aussichtslose Weite: Was liegt hinter der australischen Steppe? Man wähnt keine Städte und Saloons, sondern schlicht mehr Steppe.(c) Thimfilm

KritikIm sonnengegerbten Neo-Western „Sweet Country“ rollt der australische Regisseur Warwick Thornton die Unterdrückungsgeschichte seiner Aborigine-Vorfahren auf.

Der Hauptschauplatz von Warwick Thorntons jüngstem Film „Sweet Country“ ist vieles – weitläufig, erhaben, trocken, heiß. Nur das Adjektiv aus dem Titel kommt einem beim besten Willen nicht in den Sinn. „Süß“ sind im nördlichen Outback Australiens der späten 1920er, wie es hier gezeichnet wird, allenfalls die Wassermelonen, die verstreute Farmer dem staubigen Boden abringen. Und essen dürfen diese nur die Farmer selbst – ihre Untergebenen, ausgebeutete Aborigines, müssen sich mit Brosamen begnügen.

Vielleicht war dieses Land einst tatsächlich „sweet“ für sie, lange vor der Kolonisierung durch Europäer. Und irgendwann könnte es wieder „sweet“ werden – jedenfalls für die Siedler, die die Zukunftsvision einer ruhmreichen Zivilisation im Herzen tragen. Derzeit ist von dieser jedoch nichts zu spüren. Stattdessen liegen von der ersten Einstellung des Films an, in der eine köchelnde Brühe nach Beigabe schwarzen und weißen Pulvers ominös aufschäumt, Hass und Gewalt in der Luft.

Es dauert nicht lange, bis sich die Stimmung entlädt. „Sweet Country“ versteht sich als (Neo-)Western und beginnt auch so: Ein Mann kommt aus dem Nirgendwo dahergeritten. Er war an der Westfront im Ersten Weltkrieg, hat ein ordentliches Trauma im Gepäck und sucht temporären Unterschlupf bei einem gutmütigen Mann (Sam Neill), in dessen Augen alle Menschen gleich sind vor dem Herrn, auch die australischen Ureinwohner – eine Ansicht, die sein Gast nicht teilt. Also führt eines zum anderen – nämlich dazu, dass der dunkelhäutige Zuchtgehilfe Sam (Hamilton Morris) den rabiaten Neuankömmling in Notwehr mit der Schrotflinte über den Haufen schießt und mit seiner Frau die Flucht ergreift. Ein Suchtrupp unter der Leitung eines bärbeißigen Sergeants (Bryan Brown) nimmt ihre Verfolgung auf.

 

Hier wirkt die Weite beengend

Für gewöhnlich verbindet man mit Western das Gefühl von Freiheit. „Sweet Country“ evoziert das Gegenteil. Die Beziehungen zwischen den Figuren fußen, mit wenigen Ausnahmen, auf Argwohn, Knechtschaft und Entmündigung. Die Weite der Steppe, die hier noch viel weiter scheint als in nordamerikanischen Genre-Pendants, hat etwas Beengendes und buchstäblich Aussichtsloses: Hinter dem Horizont wähnt man keine Städte und Saloons (obwohl sie im Film vorkommen), sondern schlichtweg mehr Steppe. Dies ist nicht nur „No Country for Old Men“, sondern einfach „No Country for Men“, Punkt – zumindest nicht für jene, die hierhergekommen sind, um den Einheimischen ihren Willen aufzuzwingen.

Der australische Regisseur Warwick Thornton hat selbst indigene Wurzeln, und die Vermittlung der verdrängten Ausgrenzungs- und Unterdrückungsgeschichte(n) seines Volks ist ihm sichtlich ein Anliegen. Sein Langfilmdebüt „Samson & Delilah“ schilderte die Odyssee eines jungen Aborigine-Liebespaars durch ein ihnen bei weitem nicht immer wohlgesonnenes Australien der Gegenwart. „Sweet Country“ ist ambitionierter – und vor allem formal reifer.

Um die Aura gottverlassener Abgeschiedenheit zu steigern, verzichtet der Film vollständig auf Musik. Im Verbund mit dem gemessenen Erzähltempo und Thorntons zum Teil eigenhändiger, durchwegs ansehnlicher Kameraarbeit entsteht so eine entrückte Atmosphäre, die stets vor Anspannung (oder vor Hitze) zu flirren scheint. Das Schauspiel, vor allem jenes der Aborigine-Darsteller, besticht mit unsentimentaler, wortkarger Authentizität. Und der Schnitt lässt sich immer wieder zu stummen, blitzartigen Rück- und Vorblenden hinreißen, die kleine Einblicke in die Ahnungs- und Erinnerungswelten auch negativ besetzter Figuren gewähren – womöglich eine Verneigung vor den Stilvorlieben des großen britischen Bilderstürmers Nicolas Roeg, dessen Drama „Walkabout“ (1971) zu den etablierten Klassikern des Aborigine-Kinos gehört.

All das lässt zuweilen vergessen, dass der Film dramaturgische Schwächen hat – und seine Botschaften nicht gerade subtil lanciert. Typenkonstellation und Motivlage bleiben schematisch und laufen schließlich auf eine Gerichtsverhandlung hinaus, in der alles nochmal gründlich ausgedeutet wird. Sehenswert ist „Sweet Country“ trotzdem, nicht zuletzt im Kontext zweier anderer Historienfilme über Kolonialismus, die derzeit noch in den heimischen Kinos laufen: „Zama“ und „Die Frau, die vorausgeht“.