Es ist die exklusivste Kunstmesse der Welt: Bei der "Tefaf" in Maastricht versammelt sich die Weltspitze der Händler. Erstmals sind heuer auch fünf aus Österreich bei diesem Gipfeltreffen des Kunsthandels vertreten.
Und plötzlich ging das Licht aus. Die 263 besten Kunsthändler der Welt, ihre 30.000 kostbarsten Schätze, 75.000 weiße Rosen, 50.000 Tulpen, die Mädchen, die 3000Austern und 12.500 Gläser Champagner an die mit Privatjets angereisten Vernissagegäste verteilten – alles lag im Dunklen. Minuten, in denen die Fantasie alle Kunstkrimis der Geschichte strapaziert. Das Licht ging an. Aber Gauguins 18 Mio. Euro teure „Zwei Frauen“, Botticellis 15 Mio. Dollar schwere Rockefeller-Madonna, die zwei promoteten Highlights der 23.Tefaf-Kunstmesse Maastricht, prangten immer noch am Stand des Londoner Händlers Dickinson.
Nur ein kleiner Stromausfall, kein Skandal wühlte die rege Geschäftigkeit der ersten Tage auf, im Guten wie im Schlechten: Alles business as usual wurde auf der weltweit exquisitesten Messe für Kunst und Antiquitäten versucht zu vermitteln. Auch wenn zum Start weder wirklich atemberaubende marktneue Schätze präsentiert noch fulminante Abschlüsse gemeldet werden konnten. Auch wenn einige der großen Einkäufer sich nicht (gleich) blicken ließen. Dafür umso mehr hungrige Laufkundschaft bei der Eröffnung.
Eine von der Messestiftung (sie wird von den Händlern selbst getragen, Mitgliedschaft: 25.000Euro) herausgegebene Studie sollte die Gelassenheit unterstreichen: Trotz medialer Hiobsbotschaften, für die der Umsatzrückgang der großen internationalen Auktionshäuser verantwortlich ist, habe sich der Kunstmarkt überraschend gehalten.
Sichere Pferde: Breughel, Munch, Picasso
Statt Autos, Jachten und Privatjets suchen die verbliebenen HNWI (High Net Worth Individuals), Personen, die mehr als eine Million Dollar investierbares Vermögen besitzen, heute wertbeständige Anlagen. Meisterwerke aus den Bereichen Alter Meister und Klassischer Moderne bieten sich dazu an. Zeitgenössische Kunst dagegen ist der Verlierer. Trotzdem: Der weltweite Kunstmarkt ist selbst heuer noch auf einem so hohen Niveau wie nie zuvor in der Geschichte. Der bisherige Spitzenwert wurde 2007 mit einem Gesamtumsatz von 48,1Mrd. zwar erreicht, so die Studie, 2009 lag der Gesamtumsatz mit 31,3 Mrd. aber immer noch weit über dem Durchschnitt der Zeit vor 2006. Was in diesen Zeiten vor allem mühsam ist, ist das Aufstellen erstklassiger Ware, vor allem im knappen Altmeister-Gebiet. Wer verkauft schon seine sicherste Wertanlage?
An Museumsware, die sich Museen lange nicht mehr leisten können, fehlte es aber auch auf der 23.Tefaf nicht, sie wird nicht umsonst „Museum auf Zeit“ genannt: Ein Hochzeitstanz von Pieter Breughel d. J. bei De Jonckheere. Eine sitzende junge Frau von Edvard Munch bei der Münchner Galerie Thomas. Oder ein Picasso (aus dem Besitz Gilot) bei „Salis und Vertes“ um „über sechs Mio. Euro“. Der in Salzburg und St.Moritz beheimatete Moderne-Händler und Tefaf-Stammgast Thomas Salis bestätigt den Trend zum Kunstinvestment: „Vor 2008 war der Kunde von Social Interest und Kennerschaft getrieben. Heute folgt er anderen Kaufreizen, vor allem der Angst vor einer Inflation.“
Erstmals sind heuer fünf Händler aus Österreich bei diesem Gipfeltreffen des Kunsthandels vertreten – eine reife Leistung, bedenkt man die Wartelisten der Messe und den konservativen Zugang (den Bereich alter Kunst dominieren fast ausschließlich Männer): Neben Salis ist noch der Wiener Altmeister-Händler Roman Herzig (Galerie St. Lucas) Fixstarter. An seinem Stand kann man heuer eine kleine Drachenjagd veranstalten: in „Perseus und Andromeda“, einer Gemeinschaftsarbeit Brueghels d.Ä. und Rottenhammers, wie in Moritz von Schwinds „Hl. Georg“ (aus dem ehemaligen Besitz u. a. von Franziska von Wertheimstein).
Spezialbereich der Österreicher: Papier
Schon 2009 debütierte Jugendstil-Spezialist Wolfgang Bauer von „Bel Etage“. Möglich machte das die neu geschaffene Sektion „Design“, auch heuer die schickeste Ecke der Tefaf rund um die Sushi-Bar. Bauer konnte zwei sehr dekorative Thonet-Konsolen verkaufen, ein wenig Silber, eine Vase. Die zwei anderen Österreicher nutzten ebenfalls eine Messeerweiterung – mit dem neuen Spezialbereich „Papier“ konnten Neuzulässe in den erlauchten Kreis bestens gerechtfertigt werden. Das war die lang ersehnte Chance für die Wiener „Wienerroither und Kohlbacher“. „Uns geht es wirklich toll“, berichtet Eberhard Kohlbacher, drei Zeichnungen von Schiele, drei von Klimt (darunter eine Studie zum Universitätsskandalbild „Medizin“) haben sie bisher verkauft. Ihr überstarker Konkurrent, ebenfalls mit Klimt, Schiele, George Grosz angereist, residiert in halbwegs sicherer Entfernung, im Hauptbereich der Messe ein Stockwerk tiefer: Tefaf-Stammgast Richard Nagy aus London.
Ebenfalls der härtesten Konkurrenz (Kicken Berlin, Kraus New York) setzt sich Fotospezialist Johannes Faber hier aus, ebenfalls im „Papier“-Bereich. „Ich bin nicht unzufrieden“, frohlockt er bei der Vernissage. Fünf Jahre lang arbeitete er an einer Teilnahme. Es hat sich ausgezahlt: Mit all seinen bisherigen Verkäufen konnte er Neukunden gewinnen. Also auf ein erfolgreiches Maastricht 2011.
AUF EINEN BLICK
■The European fine art fair, kurz „Tefaf“ genannt, ist das Gipfeltreffen des Kunsthandels. Sie residiert noch bis 21.März in der Messe Maastricht. Vertreten sind 263 Aussteller aus 17 Ländern, heuer sind erstmals fünf Teilnehmer aus Österreich dabei – nur zwei davon (St. Lucas, Salis und Vertes) sind Stammgäste der Messe.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2010)