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Fragt doch die jungen Ärzte

Dr. Wolfgang Mueckstein, Primaerversorgungszentrum Mariahilf
Dr. Wolfgang Mueckstein, Primaerversorgungszentrum MariahilfMueckstein

Allgemeinmediziner. Österreich gehen die praktischen Ärzte aus. Wolfgang Mückstein kämpft dagegen. In der Ärztekammer und im Primärversorgungszentrum Mariahilf.

Der kleine Maxi stellt sich das so einfach vor. Wenn die Patienten wieder zum praktischen Arzt gehen sollen statt in die allzeit geöffnete Ambulanz, müssen die Ärzte halt länger offen haben. Damit sie das können, sollen sie eben einen zweiten Arzt in ihre Praxis nehmen und sich abwechseln. So einfach.

Nichts ist einfach. Zuerst die Fakten: Mehr als ein Drittel der niedergelassenen Ärzte ist bis 2028 älter als 65 Jahre und damit pensionsreif. Jungärzte wollen sich deren Arbeitsbedingungen nicht antun. Viele Praxen verwaisen schon jetzt. Abhilfe sollen Primärversorgungszentren (PHC) schaffen, in großer Zahl geplant, in kleiner realisiert. In Wien gibt es zwei: Das in Mariahilf ist so gut ausgelastet, dass es zeitweise keine neuen Patienten annimmt. Das in der Donaustadt ließ im Juni mit Meldungen über Patientenflucht und zerstrittene Ärztinnen aufhorchen.

Wolfgang Mückstein (44 J.) ist einer der drei Partnerärzte im Mariahilfer PHC. 2010 begann er dort in der etablierten damaligen Einzelpraxis und war bald einer von zwei und später einer von drei Partnern. „Wir sind langsam gewachsen“, rekapituliert er.

Das Schlüsselwort ist „langsam“. Dass das Donaustädter Pendant zu rasch und mit einander nicht vertrauten Ärztinnen eröffnet wurde, ist für Mückstein der Hauptgrund für dessen Probleme. Auch sein Mitarbeiterteam wuchs „langsam und organisch“ auf beachtliche 24 Personen, darunter sechs Vertretungsärzte, drei Rezeptionistinnen, Pfleger, Diätologen, Physiotherapeuten und eingemietete Wahlärztinnen.
Und eine Ordinationsmanagerin. Er sei Arzt, sagt Mückstein, kein Betriebswirt. Er könne vielleicht, wolle sich aber nicht mit Personalverwaltung, Dienstplänen Einkauf und Abrechnung herumschlagen. Er wolle am Patienten arbeiten, in dem Bereich, für den er ausgebildet sei. Komme ein Patient etwa mit einer Wunde zu ihm, stelle er Diagnose sowie Therapie und leite ihn dann an seine Diplomierte Wundmanagerin weiter. Sei er bei einer Diagnose im Zweifel, ziehe er seine Kollegen bei. Habe er einen Termin, sprängen sie für ihn ein.

Wie Ärzte arbeiten wollen


Das Beispiel illustriert, wie die junge Generation praktischer Ärzte arbeiten will.
► Erstens: Nicht allein.
► Zweitens: Im Team mit gleichrangigen Partnern, nachgelagerten Fachdisziplinen und administrativer Unterstützung.
► Drittens: Wenn Arztpraxen immer mehr kleinen KMU gleichen, brauchen künftige Ärzte eine Basisausbildung in BWL, Management und Führung. Diese bekommen sie an den Med-Unis derzeit nicht. Und nicht jede Praxis trägt eine Organisationsmanagerin.
► Viertens: Ärzte wollen wirtschaftlich und nach Hausverstand handeln können. Beispiel: Mit 70 Euro kostet eine Arztstunde zu viel, um sie mit Wundversorgung, Blutabnahme und Impfungen zu verbringen. Ärzte wollen diese Leistungen daher an kostengünstigere Medizinische Assistenzberufe (MAB) oder Diplomiertes Pflegepersonal (DGKP wie Mücksteins Wundversorgerin) delegieren und mit der Kasse verrechnen. In Wien ist das seit 1. Juli möglich, doch erst nach zähen Verhandlungen.

Vertretungszoff


► Fünftens: Ärzte jeder Generation wollen unbehelligt von Bürokratie und Zuständigkeitsquerelen arbeiten können. In Teilzeit, in Vertretung, in zeitgemäßen Kooperationsformen, flexibel, wie es zur Lebens- und Familienplanung passt (und wie wir es aus der Wirtschaft kennen).
Die Realität sieht anders aus. Stellt etwa ein Kassenarzt in seiner Ordination einen anderen an, gilt die Ordination ab sofort als Krankenanstalt und fällt aus der Zuständigkeit der Ärztekammer in jene der Wirtschaftskammer (wie auch Ambulatorien). Mit der Neuregelung für Wien dürfen sich Kassenärzte nun bis zu 100 Tage im Jahr „vertreten“ lassen. Die Rechnung wurde aber ohne das Finanzamt gemacht. Für dieses ist alles über der Geringfügigkeitsgrenze eine sozialversicherungspflichtige Anstellung. Mückstein: „Da wären einige Ärzte sofort pleite.“
► Sechstens: Angemessene Entschädigung. Zwar ist auch hier einiges bewegt worden. In drei Etappen werden die Tarife für Wiener Allgemeinmediziner bis 2020 um 30 Prozent erhöht, zugesagt wurden eine Einmalzahlung von 7000 Euro und einige Boni. Trotzdem meint Mückstein: „Es gibt keinen Grund, warum ein Orthopäde dreimal so viel verdient wie ein praktischer Arzt.“
Aus seiner Sicht wäre das Wichtigste, endlich die jungen Ärzte ganz unten zu fragen, was sie eigentlich wollen.“ Das hätte bislang noch niemand getan.

 

Auf einen Blick

Der Honorarabschluss zwischen Ärztekammer und WGKK per 1. Juli für Wiener Allgemeinmediziner brachte ihnen eine 30-prozentige Tariferhöhung + 7000-Euro-Einmalzahlung, liberalisierte Vertretungs- und Delegationsregeln, Jobsharing, Telemedizinordinationen sowie Boni für längere Öffnungszeiten und für neue Ordinationen in 1100 Wien.