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Endlich Schluss mit der holden Weiblichkeit

„Der Spieler“ von Dostojewski in Frank Castorfs Regie bei den Festwochen – mit Sophie Rois (li.), Georg Friedrich und Kathrin Angerer. In Salzburg stehen Rois und Angerer wieder gemeinsam auf der Bühne.
„Der Spieler“ von Dostojewski in Frank Castorfs Regie bei den Festwochen – mit Sophie Rois (li.), Georg Friedrich und Kathrin Angerer. In Salzburg stehen Rois und Angerer wieder gemeinsam auf der Bühne.REUTERS
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Bettina Hering, Salzburgs Schauspielchefin, setzt in diesem Sommer auf viele Frauen. Heuer spielt Sandra Hüller Penthesilea. Und zwei Großkaliber des Schrillen treffen bei Knut Hamsuns „Hunger“ aufeinander: Sophie Rois und Kathrin Angerer.

Sie schlingt den Arm um meinen Hals, ganz langsam, zärtlich: mit der anderen Hand fängt sie an, die Knöpfe selbst zu öffnen . . .“ Eine Frau zieht einen Mann aus, das mochten die Herren vermutlich schon 1888, als der spätere Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun seinen Roman „Hunger“ schrieb – der von einem darbenden Schriftsteller handelt. Der innere Monolog zeichnet das beklemmende Bild einer sich rasant verändernden Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer breiter wird, hier Aufstieg, Wohlstand, Egoismus, dort erbärmlichste Armut. Man denkt an die Bettler auf unseren Straßen, die Schilder mit „Ich habe Hunger!“ hochhalten. Fastenkuren werden oft als Heilmittel empfohlen, hier sind die schrecklichen Folgen von Mangelerscheinungen plastisch beschrieben. Doch hat das Buch durch die Egomanie des Protagonisten auch seine kuriosen und komischen Seiten.


Castorf-Kontroverse. Frank Castorf inszeniert Hamsuns Roman heuer bei den Salzburger Festspielen auf der Halleiner Perner Insel, mit Marc Hosemann, Josef Ostendorf und einem starken Duo, auf das sich der frühere langjährige Chef der Berliner Volksbühne seit langem verlässt: Sophie Rois und Kathrin Angerer sind zwei Extrem-Schauspielerinnen, Rois prunkt mit ihrer lakonisch-ironischen Komik, Angerer kann stundenlang sprechen und singen und orgeln in allen Tönen, die die deutsche Sprache nur hergibt. Diese zwei sind typisch für Frauen, die sich nicht mehr mundtot machen lassen. Schon gar nicht von Castorf, der jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“ über weibliche Regisseurinnen und Frauenfußball lästerte. „Schluss mit der Arschlochhaftigkeit!“, rief ihm daraufhin Simone Dede Ayivi in der „taz“ zu, die Kontroverse ist eine grundsätzliche. Simone Dede Ayivi gehört zu den neuen jungen Theaterkünstlern, die eine Art Pendant zu den Autorenfilmern sind. Diese inzwischen große Gruppe interdisziplinär tätiger, studierter Intellektueller, thematisiert die brennenden Themen der Welt, etwa Fremdenhass, Migration, Integration.


Kampf um Subventionen. Ein in Wien bekanntes Beispiel ist Yael Ronen, die mehrere Aufführungen im Volkstheater gezeigt hat. Die Jungen (darunter viele Frauen) sind oft Gesamtkünstler und -Künstlerinnen, sie schreiben, zeichnen, machen Musik, produzieren, sind weltläufig und bestens vernetzt. Und viele sind sauer, weil in den Hochkulturtempeln oft noch immer die Regisseure der 1968er-Revolte und ihre Nachfolger regieren. Auch die Salzburger Festspiele sind in der Wahl ihrer Regisseure eher konservativ, die Budgets sind hoch, die Tickets teuer; es gilt, Risken abzuwägen.

Die Künstler und Künstlerinnen selber scheinen sich längst mit allem angefreundet zu haben. Angerer, Rois und viele andere prominente Darsteller und Darstellerinnen spielen im Theater Dostojewski und drehen Kino- oder TV-Filme, auch Krimis, die früher für die Diener der hehren Bühnenkunst ein „No-Go“ waren. Angerer und Rois haben sehr unterschiedliche Backgrounds. Angerer stammt aus der ehemaligen DDR, sie begann als Laienspielerin und nahm erst später Schauspielunterricht. Sie war in fast zwei Dutzend Castorf-Inszenierungen zu sehen, viele davon gastierten bei den Wiener Festwochen. Auf die Frage, was Castorf ihr bedeute, entfuhr Angerer in einem Interview mit der Berliner Stadtzeitung „Zitty“ der Ausruf: „Oh, Gott!“ Und es ist nicht anzunehmen, dass sie den einstigen Klassiker-Zertrümmerer mit dem Allerhöchsten gleichsetzte. Sophie Rois stammt aus Linz, sie sollte, was für ein Monsterwort: Lebensmitteleinzelhandelskauffrau im Geschäft ihrer Eltern werden, stattdessen absolvierte sie das Reinhardt-Seminar. Sie lebt in Berlin, wo sie in Aufführungen von Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler und eben Castorf zu sehen war. Als dieser die Volksbühne verließ, ging auch die „schrullige Österreicherin mit der schrillen Stimme“, wie die Berliner Morgenpost Rois charakterisierte. Nach den nicht wirklich geglückten Versuchen mit Regisseurinnen im Vorjahr, vor allem die „Lulu“-Version der Filmregisseurin Athina Rachel Tsangari wurde teilweise herb kritisiert, setzt Salzburgs Schauspielchefin Bettina Hering heuer wieder auf Männer am Regiepult: Johan Simons inszeniert Kleists „Penthesilea“, Ulrich Rasche „Die Perser“ von Aischylos und Dušan David Pařízek „Kommt ein Pferd in die Bar“, die Geschichte eines alternden Comedian, der mit seiner Profession abrechnet, nach dem Roman von David Grossman. Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa und Patrycia Ziolkowska sind das Frauenteam in Aischylos Tragödie über die Verheerungen des Krieges aus dem Jahr 472 v. Chr., die er an den Feinden seiner eigenen Landsleute, den Persern, festmachte, um zu demonstrieren, dass die Grausamkeit des Kampfes jeden trifft, Freunde und Feinde.

Die bekannteste der drei Schauspielerinnen in den „Persern“ ist Katja Bürkle, die von den Münchner Kammerspielen an das vom künftigen Burgtheaterdirektor Martin Kušej geführte Residenztheater wechselte, aber auch in Serien wie „Tatort“ oder „Polizeinotruf 110“ zu sehen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2018)