Warum ich als Feministin gegen ein Kopftuchverbot sein kann und als Atheistin den Islam verteidigen darf? Ach, das ist doch einfach!
Ich schreibe nicht gern politische Kolumnen. Erstens brauche ich für sie dreimal so lang, zweitens besteht immer die Gefahr, dass ich in einen drögen oberlehrerhaften Ton kippe, der mir selbst unerträglich ist, weshalb die Kolumne im Papierkorb landet und ich eine neue schreiben muss. Und drittens kriege ich gern nette Leserbriefe. Betonung auf nett.
Aber manchmal muss es sein, weil wir in einer Zeit leben, in der man nicht dauernd den Mund halten kann, und weil ich von Lesern mit zunehmender Hartnäckigkeit auf scheinbare Widersprüche in meinem Denken hingewiesen werde: Warum, fragt man mich etwa, kann ich Atheistin sein und trotzdem immer wieder Verständnis für Muslime zeigen?
Nun: Ich mag den Islam nicht. Ich mag gar keine Religion, und in ihren ultraorthodoxen Ausprägungen sind sie mir alle zuwider. Ich denke, Religionen müssen gezähmt werden wie wilde Tiere, aber selbst wenn sie scheinbar friedlich in unserer Mitte existieren, sollte man ihnen besser nie ganz trauen: Einmal nicht aufgepasst, wollen sie schon wieder die Abtreibung verbieten.
Auch wenn ich also den Glauben an irgendein höheres Wesen für potenziell gefährlich halte, und auch für irgendwie absurd, kann ich trotzdem verstehen, dass er Trost und Halt bieten kann. Ich bin also zwar gegen Religionen und ihre zum Teil aus der Zeit gefallenen Ge- und Verbote. Aber für die Gläubigen und ihr Recht, ihre Religion auszuüben. Man könnte auch sagen: Ich bin für Religionsfreiheit. Die meisten Atheisten glauben nämlich an die Menschenrechte.
Kopftuchtragerei. Womit wir beim zweiten Thema sind, dem Kopftuchverbot. Auch hier gilt: Als Feministin bin ich für die Frauen, die Kopftuch tragen. Aber gegen die Kopftuchtragerei als Ausdruck der Unterdrückung der Frau. Genauso wie ich zum Beispiel für Hausfrauen bin, aber gegen ein Familienmodell, das Frauen zurück an den Herd drängt. Und ich habe auch größtes Verständnis für alle, die der Karriere wegen auf Kinder verzichten. Ich finde nur, dass sich niemand vor die Wahl gestellt sehen soll: Kind oder Karriere.
Wäre ich der Meinung, ein Kopftuchverbot würde den Weg zu Emanzipation und Freiheit ebnen, hätte ich nichts dagegen, im Gegenteil. Ich befürchte nur, es ist komplizierter. Ich fürchte, dass wieder einmal der weibliche Körper und seine Ent- bzw. Verhüllung das Schlachtfeld ist, auf dem ideologische Kämpfe ausgetragen werden – und das widerstrebt mir.
Wenn es uns wirklich darum geht, die Unterdrückung muslimischer Frauen zu beenden, sollten wir anderswo anfangen. Vielleicht zur Abwechslung einfach einmal bei den Männern.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2018)