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Kirche: "Er hatte ein schlechtes Gewissen"

(c) ORF (Hans Leitner)
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Anlässlich der Missbrauchsfälle zeigt „Kreuz & quer“ am Dienstag Abend die US-Doku „Holy Watergate“ über die Parallelen zum amerikanischen Skandal 2002.

"Ich durfte ,Vater Andy‘ zu ihm sagen“, die anderen nannten ihn beim Nachnamen, erzählt John Bambrick. Er ist heute selbst Geistlicher und berichtet im Dokumentarfilm „Holy Watergate“ vom eigenen Missbrauchtwerden. „Wir hatten ein besonders gutes Verhältnis. Er kam zum Abendessen in das Haus meiner Eltern. Eine Woche später gingen wir ins Kino. Als die Lichter ausgingen, fasste er meine Hand. Ich erstarrte“, sagt Bambrick, das Händchenhalten mit dem Pfarrer war dem Buben zutiefst unangenehm. „Auf dem Heimweg fragte er mich, und ich sagte ihm, dass ich mich dabei ein bisschen unwohl gefühlt hatte. Er redete mir ein, das sei nicht normal. Es war wie Gehirnwäsche. Folter.“ Denn beim Händchenhalten blieb es nicht.

John Bambrick ist nur eines von zahlreichen Missbrauchsopfern im Netz der katholischen Kirche in den USA, die die Filmemacherin Mary Healey für ihre TV-Dokumentation (2004) interviewt hat. Selbst Katholikin, recherchierte sie fünf Jahre zu dem Thema.

 

1985 lehnten Medien Skandalstory ab

Der ORF zeigt ihren Film heute als deutsche Erstausstrahlung – im Rahmen eines „Kreuz & quer“-Themenschwerpunkts zu den Missbrauchsfällen in der Kirche. In den USA wurden ab den Neunzigern Skandale stückweise aufgedeckt; dazu trug auch Journalist Jason Berry bei, mit dem Healey sprach – seine investigativen Storys lehnten 1985 noch viele Medien ab, vom „New York Magazine“ über „Vanity Fair“ bis zum „Rolling Stone“.

Viele Opfer, die sexuelle Gewalt am eigenen Leib erfahren haben, engagieren sich heute für Leidensgenossen, etwa Barbara Blaine mit ihrer Organisation SNAP, dem „Netzwerk von Überlebenden des sexuellen Missbrauchs durch Priester“. Blaine redete ihr Peiniger ein, sie sei selbst schuld: „Ich sei spiritueller als die anderen Kinder. Nach den Zwischenfällen hatte er ein schlechtes Gewissen.“ 2002 wurde in den USA ein weitreichender Missbrauchsskandal mit Epizentrum Boston publik, Papst Johannes PaulII. lud US-Bischöfe vor. Als SNAP-Mitglieder mit ihm reden wollten, lehnte er dies ab.

„Die Geschichte eines verschleppten Skandals“, lautet der Untertitel der TV-Doku. Er würde auch zu Felix Mitterers „Die Beichte“ passen. Das als Hörspiel konzipierte Stück wurde 2007 mit Ernst Stankovski und Gabriel Barylli in den Hauptrollen inszeniert; der ORF zeigt es im Anschluss an „Holy Watergate“. Einen „Realismus der Gefühle, der wehtut – speziell, wenn man religiös ist“, urteilte „Die Presse“ damals über „Die Beichte“. Darin missbrauchte der Pater einen Zögling, der – nun erwachsen – verging sich in Folge am eigenen Sohn. Als man ihn ertappt, will er den Kleinen töten, davor aber noch mit dem Priester abrechnen.

 

„Kreuz & quer“ sucht seinesgleichen

Regelmäßig, wenngleich nicht immer so aktuell wie heute, zeigt die ORF-Dienstagabendschiene „Kreuz & quer“ Dokumentationen, arrangiert Diskussionen, die im deutschen Sprachraum ihresgleichen suchen. Thematisiert werden dabei trennende wie verbindende Elemente der Religionen – konfessionsübergreifend. Wenngleich viele Dokus eingekauft sind – „Kreuz & quer“ ist ein Musterbeispiel öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das dabei genau ein Problem hat: den späten Sendetermin.

Di, 22.30h: „Kreuz & quer“, 23.25h: „Die Beichte“. Online ist „Holy Watergate“ (auf Englisch) unter www.snagfilm.com abrufbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2010)