Der Kapitalismus funktioniert in seiner Gesamtheit ziemlich schlecht. Wieso sollte diese Erkenntnis vor reichen Ölemiraten Halt machen?
Unter meinen Freunden hat Dubai so richtig viele Feinde. Dubai gilt als neureich und bildungsfern. Das Emirat ist unbeliebt wie ein widerwärtiger Vetter, der im Lotto zu einer Stange Geld gekommen ist und jetzt mit seiner Sportwagensammlung protzt. Deshalb war die Schadenfreude groß, als Ende letzten Jahres die Agenturmeldung durch die Welt ging, Dubai würde gar nicht boomen, sondern sei in Wahrheit bankrott. Wie jede gute Schlagzeile blieb diese in den Köpfen hängen. Wer Dubai aufmerksam verfolgte, erfuhr nach ein paar Wochen allerdings, dass die Rettung auf dem Programm stand. Das Nachbaremirat Abu Dhabi, ebenso reich, kaufte die mutmaßliche Konkursmasse im Rahmen von selbstverständlich undurchsichtigen Transaktionen.
Ein Drittel aller existierenden Kräne sollen einst in Dubai gestanden sein. Die weltweit höchste Millionärsdichte (man zahlt hier keine Einkommenssteuer) führte zu absurden Immobilienpreisen und gähnender Leere. Wo schwindlige Immo-Deals abgeschlossen werden, kommt es bei schlechterer Auftragslage eben recht früh zum Crash.
Aus der Nähe wirkt Dubai gar nicht bankrott, sondern neurotisch. Überall wird mit breiten Besen geputzt, obwohl alles bereits recht sauber wirkt: die Straßen rund um das höchste Gebäude der Welt, den Burj Dubai, die Hotels an seinem Fuß wie zum Beispiel das „Address“ mit einem Buffet wie aus Tausendundeiner Nacht oder die blitzblanke Altstadt, die zwar nicht alt ist, aber immerhin in historischem Stil nachgebaut. Fast noch sauberer sind Shoppingcenter wie die Dubai Mall. In einem dreistöckigen Aquarium schwimmen Barsche, Haifische, Rochen um die Wette. Wer Rekorde liebt, muss sich zu der Stadt, dem Mall und seinen Fischen hingezogen fühlen. Ganz nahe dran ist es aber ein bisschen kühl.
Dubai will eine normale, moderne Stadt sein – allerdings ohne Drogen, offene Sexualität und Alkoholmissbrauch. Anstelle dessen treten Investoren, Superlative und künstliche Inseln. Leider funktioniert das Gebilde nicht. Niemand mag es von Herzen, über zwei Drittel der Einwohner sind Arbeitsmigranten mit
befristeter Aufenthaltsgenehmigung, und die lieben natürlich andere Orte.
Eine Tour durch die Stadt hat als zentralen Programmpunkt nicht nur den Burj Dubai, sondern auch die neu errichtete Metro. Sauber und gut organisiert ist die Metro ein gespenstischer Ort. Fast ausschließlich Männer starren hier auf den Boden (drei Viertel der aktuellen Bewohner des Emirats sind männlich), es gibt wenige Kinder und überhaupt keine alten
Leute, denen man die Sitze freimachen könnte.
Wo geht man am Abend aus? Das Zentrum ist, abgesehen von den notorischen Top-End-Orten, ausgestorben. Wo Geschichte und Gegenwart fehlen, öffnet eben nicht der nette Kebabstand nebenan, und so wirkt alles irgendwie monströs. Es gibt keinen Grund, über das finanziell bankrotte Dubai zu lachen – aber über das sozial bankrotte Emirat würde ich mir schon Sorgen machen.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at
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