Schnellauswahl

Fall Skripal: Gerüchte oder heiße Spur?

Absperrung in Amesbury, wo zwei Briten vier Monate nach den Skripals Vergiftungen durch Nowitschok erlitten. Geringe Mengen des Kampfstoffes können zum Tod führen.
Absperrung in Amesbury, wo zwei Briten vier Monate nach den Skripals Vergiftungen durch Nowitschok erlitten. Geringe Mengen des Kampfstoffes können zum Tod führen.(c) APA/AFP/CHRIS J RATCLIFFE

Medien berichten, dass die Polizei die Täter des Nowitschok-Anschlags identifiziert hätte - es handle sich um Russen. Doch die britische Regierung dementierte prompt.

London. Der britische Staatssekretär für Sicherheit, Ben Wallace, rückte am Donnerstagnachmittag aus, um zu dementieren: „Ich glaube, diese Geschichte gehört in den ,Schlecht informiert und wilde Spekulationen‘-Ordner“, schrieb er auf Twitter. Wallace versuchte damit, Medienberichte zurückzuweisen, wonach es eine heiße Spur im Fall Skripal gebe.

Die Nachrichtenagentur Press Association hatte davor einen Durchbruch im Fall Skripal gemeldet: „Die Ermittler glauben, dass sie die Täter identifiziert haben“, zitierte sie Polizeikreise. „Sie sind sich sicher, dass es Russen waren.“ Die wütende Reaktion des russischen Botschafters in London folgte prompt: „Ich erwarte eine Verständigung durch die Polizei oder das Außenministerium. Vieles, was wir in den Medien erfahren, stimmt nicht mit den Informationen überein, die wir von den Behörden erhalten.“

Die Ermittlungen sind wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mehr als 5000 Stunden an Filmaufnahmen von Überwachungskameras in der Kleinstadt Salisbury haben Sicherheitskräfte analysiert und danach mit Aufnahmen der Flughäfen des Landes vergleichen. Der Ex-Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter Julia waren im März in der südenglischen Kleinstadt Salisbury an einem Sonntagnachmittag auf einer Parkbank zusammengebrochen. Sie waren mit dem Nervengift Nowitschok in Kontakt geraten. Großbritannien sprach umgehend von einem Giftanschlag, für den Russland die Verantwortung trage. Nowitschok war von der Sowjetunion entwickelt worden.

Obwohl Moskau alle Vorwürfe als unbegründet zurückwies, führte der Anschlag zu einer schweren diplomatischen Krise. In der schärfsten Reaktion seit Ende des Kalten Kriegs wurden weltweit 153 russische Diplomaten ausgewiesen, der Kreml setzte umgehend Gegenmaßnahmen. Moskau weist bis heute alle Vorwürfe zurück.

Der unbestätigte Bericht der Press Association würde nun den Verdacht der britischen Behörden bestätigen. „Sie haben die Aufnahmen (von Salisbury) mit Bildern von der Einreise zum Zeitraum der Tat verglichen und sind sich sicher“, zitiert Press Association Sicherheitskreise.

Obwohl Nowitschok ein hochgiftiger Kampfstoff ist, von dem selbst kleinste Mengen zum Tod führen, konnten Skripal, 66, und seine Tochter, 33, von britischen Spezialisten gerettet werden. Sie leben heute beide an einem geheimen Ort von der Öffentlichkeit verborgen. Verschwörungstheoretikern, die an der russischen Spur Zweifel hegten, wurde der Wind durch eine Untersuchung der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW) aus den Segeln genommen, die nachwies, dass das Gift tatsächlich aus russischen Beständen gekommen war.

Der Fall war zuletzt wieder in die Schlagzeilen geraten, als vor knapp zwei Wochen zwei Briten mit einer Vergiftung in der Nähe des Skripal-Anschlags aufgefunden wurden. Die 44-jährige Dawn Sturgess verstarb nach acht Tagen, ihr Partner, Charlie Rowley, 45, befindet sich weiterhin in kritischem Zustand. Nach Behördenangaben sollen sie mit der zehnfachen Menge an Nowitschok in Berührung gekommen sein, als sie zufällig den Behälter anfassten, in dem sich das Gift befand. Dabei soll es sich um einen Parfumzerstäuber handeln. Eine offizielle Untersuchung des Todes von Sturgess wurde gestern eröffnet und umgehend „bis zum Abschluss der polizeilichen Ermittlungen“ vertagt. Das wird dauern. In Salisbury und Umgebung durchkämmen weiterhin Experten das Gelände und versuchen, verdächtige Gegenstände zu entfernen. Schon kleinste Dosen an Nowitschok können tödliche Wirkung haben.

 

„Eine Warnung an Dissidenten“

Während die britische Politik sich zuletzt in der Skripal-Affäre merkbar Zurückhaltung auferlegte und nach den jüngsten Entwicklungen wieder Zweifel an der Russland-Spur aufkamen, sind sich Experten weitgehend einig: „Die neuesten Entwicklungen bestätigen die Ansicht, dass es eine professionelle Tat war, mit der eine politische Botschaft gesendet werden sollte“, sagte der britische Chemiewaffenexperte und Ex-Geheimdienstoffizier Richard Ingram. „Skripal wurde zum Ziel, um den Dissidenten zu Hause zwei Wochen vor der russischen Präsidentenwahl eine Warnung zu erteilen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2018)