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Wie sich Jugendliche via Smartphone auf Identitätssuche begeben

Der Medienkonsum hat sich mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke im Internet massiv verändert.
Der Medienkonsum hat sich mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke im Internet massiv verändert.(c) imago/Westend61 (Julia Otto)

Lesegewohnheiten junger Menschen unter der Lupe.

In der Kinder- und Jugendliteraturforschung ist das Buch heutzutage nicht mehr das einzige Medium, das untersucht wird. Denn dem Lesevergnügen wird nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln, sondern eben auch auf dem Smartphone gefrönt. Der Medienkonsum hat sich mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke im Internet massiv verändert, und Jugendliche werden immer stärker darüber definiert. Die neue Forschungsplattform #YouthMediaLife an der Universität Wien nimmt diese ausdifferenzierte Medienwelt von jungen Menschen ab 14 Jahren aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Fokus.

 

Statusmeldungen und Identität

Initiiert hat das Projekt Susanne Reichl vom Institut für Anglistik und Amerikanistik: „Bei der Frage nach den Lesegewohnheiten Jugendlicher spielen heute viele Medien und Plattformen eine Rolle. Jugendliche nutzen Medien sehr selektiv. Das gemeinsame Wissen über Musikcharts oder Fernsehserien, das es vor ein paar Jahrzehnten noch gegeben hat, wird weniger.“ Diese Veränderungen führen mitunter zu emotionalen Diskussionen über Vor- und Nachteile digitaler Medien. Reichl: „Kulturpessimisten meinen, Kinder könnten nicht mehr kommunizieren, während Befürworter neuer Technologien meist nur das Potenzial für Lernprozesse hervorheben.“ Diese vermeintliche Opposition zwischen analogen und digitalen Medien will #YouthMediaLife aufbrechen.

Das Mitgestalten und Mitteilen ist für Jugendliche ein wichtiger Bestandteil des Erwachsenwerdens, digitale Plattformen ermöglichen dies besonders. „Viele Jugendliche schaffen sich über Erzählungen ihre Identität“, so Reichl. Erzählmotive wiederum würden sich sowohl in mehrbändigen Romanen als auch in Twitter-Nachrichten oder Facebook-Posts finden. Neben der Mediennutzung selbst spielen bei der Selbstfindung auch psychosoziale Prozesse eine Rolle. Durch Kategorien, die man in sozialen Netzwerken auswählen kann, werden sich Menschen etwa erst bewusst, dass ein Beziehungsstatus Teil einer Identität sein kann.

Die interdisziplinäre Anlage des Projekts stellt die Forscher vor die Herausforderung, dass zentrale Begriffe wie Identität, Lernen oder Medien in Soziologie, Psychologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaft zum Teil völlig anders definiert werden. In einem ersten Schritt gilt es nun, eine gemeinsame Basis zu erarbeiten. (cog)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2018)