Verliebt in die irdische Unterwelt

Für ihre Klimaforschung in Nordostgrönland erhielt Gina Moseley heuer den hoch dotierten START-Preis des Wissenschaftsfonds FWF.
Für ihre Klimaforschung in Nordostgrönland erhielt Gina Moseley heuer den hoch dotierten START-Preis des Wissenschaftsfonds FWF.(c) Uwe Schwinghammer

Die gebürtige Engländerin Gina Moseley erforscht an der Universität Innsbruck seit mittlerweile drei Jahren anhand von Höhlenablagerungen die Klimageschichte Grönlands.

Seit Gina Moseley zwölf Jahre alt gewesen ist, ist sie fasziniert von Höhlen. Bei einem Familienurlaub lernte sie damals die Welt unter der Erdoberfläche im englischen Cheddar kennen. Heute kombiniert sie diese Leidenschaft mit ihrer Forschung zum besseren Verständnis des Klimawandels. Die gebürtige Engländerin kam vor sieben Jahren als Postdoc ans Institut für Geologie der Universität Innsbruck und wurde ab 2015 in das „Hertha Firnberg“-Förderprogramm des Wissenschaftsfonds FWF aufgenommen.

Aufgewachsen ist Moseley in den englischen Midlands. Mit 18 Jahren verließ sie ihren Heimatort, Great Wyrley, und ging für das Studium nach Birmingham. Es folgte ein Studium der Physikalischen Geografie, das sie mit einem Bachelor abschloss. In dieser Zeit kam ihr erstmals der Gedanke, ihre Leidenschaft für Höhlen und ihre wissenschaftliche Karriere zu kombinieren. Ein Tutor hatte sie ermuntert, erzählt Moseley: „Er hat gesagt: ,Mach, was dir gefällt, denn das wird sich am Ende im Ergebnis widerspiegeln.“ Und so begann sie, sich den Spuren vom Klimawandel in Höhlen zu widmen. Den Master ließ Moseley aus – das geht in Großbritannien – und begann gleich ein Doktoratsstudium an der Universität von Bristol.

 

Klimaaufzeichnungen in Stein

Ihr Forschungsgebiet waren küstennahe Höhlen im mexikanischen Yucatán und auf den Bahamas. Dort dokumentierte sie anhand von Stalagmiten – das sind vom Boden emporwachsende Tropfsteine – Veränderungen des Meeresspiegels während der letzten 500.000 bis 600.000 Jahre. Das Prinzip dahinter: Immer, wenn die Höhlen unter Wasser standen, konnten die Stalagmiten nicht wachsen, weil dazu das Tropfen von kohlesäurehaltigem Wasser auf das Höhlenmineral (Speläothem) notwendig ist. Moseley nahm Proben, durch die sie einen Längsschnitt machte und so die Wachstumsschichten bloßlegte. Die größte Herausforderung war die Datierung. Diese erfolgte mit der sogenannten Uran-Thorium-Methode.

Nach Abschluss dieser Arbeit mit dem Doktortitel wurde Moseley den Höhlen kurz untreu: Sie analysierte als Postdoc an der Universität Manchester Meteoriten. Doch am Ende siegte die Liebe zur Unterwelt. Sie schrieb an den Geologen und Quartärforscher Christoph Spötl von der Uni Innsbruck und erhielt die Antwort, es sei keine Stelle frei. Er werde sich aber gegebenenfalls melden. „Ich dachte, das war eine sehr höfliche Absage“, so Moseley. Aber Spötl hielt Wort. Sie bekam einen Platz in seinem Team und widmete sich vorerst alpinen Höhlen: „Ich hatte aber während dieser ganzen Zeit immer ein Projekt zu Höhlen in Grönland im Hinterkopf. Sie sind kaum bekannt und wurden in den 1960er-Jahren dokumentiert.“ Allerdings gab es dort spezielle Ablagerungen (Sinter), die darauf hindeuten, dass es in Grönland einmal wärmer gewesen sein musste. Moseley: „Diese Ablagerungen benötigen Wärme und Wasser. Heute, bei Dauerfrost, könnten solche Ablagerungen nicht entstehen.“ Also, so ihre Schlussfolgerung, müsste man daran die Klimageschichte Grönlands dokumentieren können.

 

Mit Sponsorengeldern nach Grönland

Um diese Hypothese zu untermauern, musste Moseley erst eine Erkundungsexpedition durchführen, was ihr im August 2015 gelang, nachdem sie 18 Monate lang Geld von 59Sponsoren gesammelt hatte. Drei Jahre lang untersuchte sie anschließend die 26 mit nach Innsbruck gebrachten Proben. Ihre Hypothese bewahrheitete sich. Diese Arbeit brachte ihr schließlich den START-Preis des Wissenschaftsfonds FWF, den höchstdotierten Wissenschaftspreis Österreichs für Nachwuchsforscher, ein, mit dem sie nächstes Jahr nach Grönland zurückwill: „Weil wir beim letzten Mal nur ein kleines Team waren, mussten wir alles tragen und konnten nur kleine Proben nehmen.“

Kommendes Jahr will die englische Höhlenforscherin deutlich größere Proben mit dem Hubschrauber abtransportieren. Fest steht jetzt schon: In Grönland war es früher so warm, dass sich Speläotheme in den dortigen Höhlen bilden konnten. Die Datierung durch Moseley reicht inzwischen 550.000 Jahre zurück und damit viel weiter als alle Eiskernproben von Grönland.

ZUR PERSON

Gina Moseley (34) wurde in Walsall, England, geboren. Nach der Schule studierte sie Physikalische Geografie in Birmingham. Im Anschluss daran machte sie ihr Doktorat, das sie 2010 beendete. In den letzten zehn Jahren erhielt Moseley zahlreiche Preise: von einer Auszeichnung für junge Höhlenforscher 2008 bis zum Captain Scott Society Spirit of Adventure Award. Heuer erhielt sie den FWF-START-Preis.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2018)