Das Städtchen am Meer

Enge Gassen in der Altstadt
Enge Gassen in der Altstadt(c) imago/imagebroker (imageBROKER/Siegfried Kuttig)
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Es gibt da dieses Städtchen am Meer, wo Badetücher über schmiedeeisernen Balkonen hängen und die Pflastersteine ganz glatt sind von den vielen, vielen, die darübergingen.

Also eine kleine Stadt am Meer. Eine mit hellen Plätzen, von Platanen oder Olivenbäumen gesäumt, und mit Gassen, die so eng sind, dass nur zu Mittag die Sonne ihren Weg hineinfindet. Es gibt dort Bars und Eisgeschäfte, Läden, in denen man getrocknete Seesterne und bunt bemalte Keramiklöffel kaufen kann und Ansichtskarten mit Fischernetzen, verwunschenen Hinterhöfen und Balkonen, vor denen die Wäsche hängt. Das sieht man kaum mehr. Jetzt sind es die Badetücher der Gäste, die auf den schmiedeeisernen Geländern trocknen.

Im Städtchen am Meer stellen am Morgen noch die alten Frauen ihre Stühle vor die Tür. Da sitzen sie also und beobachten die Mütter, die sich mit vollen Einkaufstüten plagen. Die Kinder, die über Pflastersteine hüpfen, die schon ganz glatt sind von den vielen, vielen, die darübergegangen sind. Die Müllmänner, die sich mit ihren Karren einen Weg bahnen. Natürlich die Touristen, die von Jahr zu Jahr mehr werden, ein Haus nach dem anderen wird zum Bed and Breakfast, die Einheimischen weichen, ziehen an den Rand der Stadt und vermieten ihre Wohnungen im Zentrum an Sonnenhungrige aus allen Ländern. Doch die Frauen, die vor den Türen sitzen, sind zu alt, um noch einmal verpflanzt zu werden. Und manchmal zupft eine die Minzeblätter von den Stängeln für die Cocktails in der Bar nebenan: Am Abend gehört die Gasse den Jungen und es ist egal, woher sie kommen.


Weiches Licht. Wenn man morgens frische Croissants möchte in der Stadt am Meer, mit Marmelade gefüllt oder ohne, zum Gleichessen oder Mitnehmen, dann geht man in eine Bar, wo die Arbeiter von der Baustelle nebenan noch schnell einen Espresso trinken, sie haben riesige Hände und rühren mit winzigen Löffelchen in winzigen Tassen und sind dabei sehr leise. Wenn man einkaufen will, gibt es zwei Möglichkeiten. Weit draußen, in einem Supermarkt. Oder ums Eck, beim Lebensmittelladen, der auf dreißig Quadratmetern alles führt, also wirklich alles, und das heißt auch: Kaffeemaschinen und Spülmittel, Shampoo und Klopapier. Und wenn man etwas Ausgefalleneres will, Cocktailsauce zum Beispiel, dann fragt man den Besitzer, der ruft dann seine Tochter und die weiß, wo es steht.

Es gibt auch ein paar Kirchen im Städtchen am Meer und ein Museum, aber darum ist man nicht hier. Man ist hier, weil das Licht weich ist und die Luft salzig und man, wenn man um die Ecke biegt, plötzlich das Meer sieht, so weit, weit, weit. Weil später am Tag die Schwalben kommen und noch später die Fledermäuse und die alten Frauen einen manchmal freundlich grüßen, als würde man gar nicht stören.

Und darum kommen wir auch wieder.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2018)

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