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Elisabeth Scharang: „Eine Herzklappe hört man wie ein Metronom“

„Mir wurde klar: Ich schreibe eine Geschichte für genau diese Frau“, sagt Drehbuchautorin und Regisseurin Elisabeth Scharang (l.) über Martina Gedeck, die Hauptdarstellerin in ihrem neuen TV-Film „Herzjagen“, der von Lotus-Film, ORF und BR produziert wird.
„Mir wurde klar: Ich schreibe eine Geschichte für genau diese Frau“, sagt Drehbuchautorin und Regisseurin Elisabeth Scharang (l.) über Martina Gedeck, die Hauptdarstellerin in ihrem neuen TV-Film „Herzjagen“, der von Lotus-Film, ORF und BR produziert wird.(c) ORF (Felipe Kolm)
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Elisabeth Scharang verfilmt Julya Rabinowichs „Herznovelle“ als „Herzjagen“. Mit der „Presse“ sprach sie über Krankheit als Normalität, die Intimität des Radios, die gläserne Decke und den Gender-Gap.

Die Presse: In Julya Rabinowichs „Herznovelle“ kommt das Leben einer schwer kranken Frau aus dem Lot – gerade als sie nach der Operation endlich ein normales Leben führen könnte.

Elisabeth Scharang: Als ich mit Gerhard Roth an „Die Stadt“ gearbeitet habe, haben wir im Gehörloseninstitut gedreht. Man kann gehörlosen Menschen ein Gerät einsetzen, womit sie wieder hören können. Dort gab es eine Familie, die ein Kind hatte, bei dem das gemacht wurde. Und die haben erzählt, dass das Kind dieses Gerät sehr oft ablegt, weil es von diesem Zustand, von dem wir glauben, dass er ganz toll ist – dass man hören kann –, völlig überfordert war. Und weil ihm das auch ein Stück Identität nimmt. Wenn jemand seit 20 Jahren eine Krankheit integriert hat – wie diese Figur in dem Roman und meinem Film –, wenn das die Normalität ist, dann verändert eine Herz-OP den ganzen Rhythmus. Man ist nicht mehr dieselbe. Es ist verwirrend. Denn alle erwarten, dass man jetzt ein normales Leben führen kann – aber die Normalität ist für diese Frau die Krankheit.


Die Protagonistin bekommt eine neue Herzklappe. Was ist so schlimm daran?

Eine künstliche Herzklappe hört man – wie ein Metronom, das in einem steckt. Das kann man als Takt des Lebens interpretieren – oder als eine Uhr, die abläuft. In Ambulanzen, wo man solche Operationen vornimmt, weiß man, was das für Patienten bedeutet: Es ist ein psychischer Ausnahmezustand.


Martina Gedeck spielt die Kranke. Mussten Sie sie überzeugen?

Ich habe vor zwei Jahren mit ihr ein Radiointerview für meine FM4-„Doppelzimmer“-Reihe gemacht. Das war ein sehr schönes Gespräch. Als wir uns verabschiedeten, habe ich gesagt: Frau Gedeck, ich bin sicher, wir werden miteinander zu tun haben. Dann bin ich heimgefahren – ich habe da schon an dem Drehbuch gearbeitet. Und mir wurde klar: Ich schreibe eine Geschichte für genau diese Frau. Ich habe ihr dann das Buch geschickt, als es fertig war – und sie hat dieses Projekt von Anfang an mitgetragen.


Sie haben Ihre berufliche Laufbahn beim Radio begonnen. Was kann denn das Radio besser als Fernsehen und Kino?

Zuhören und Intimität schaffen. Was ich am Radio so liebe, ist, wenn Leute anrufen und man nur über die Stimme ein Gefühl und ein Bild von diesem Gegenüber kriegt – das ist wunderbar. Man muss schnell erfassen, was für eine Art Dialog man eingeht. Ich habe diese schnellen, intuitiven Entscheidungen, die ich beim Drehen brauche, durch Radio-Livesendungen gelernt.


Wie geht es Ihnen als Frau in der Film- und Fernsehbranche?

Ich bin jetzt dort, wo man Verantwortung übernehmen muss. Das können nicht die Frauen machen, die 20 oder 25 Jahre alt sind und gerade in den Beruf reinkommen. Die gläserne Decke spürt man auch erst, wenn man relativ weit gekommen ist, wenn es in Konkurrenz mit Männern um Geld und Budgets geht. Da müssen die, die zwischen 40 und 60 sind – das sind die Leute, die entscheiden – etwas tun. Das war auch der Grund, warum ich in den Vorstand vom Regieverband gegangen bin.


Warum ist es wichtig, dass auch Frauen Filme machen?

Wir erzählen immer auch unsere eigene Lebensrealität. Wenn Andreas Prochaska, Michael Kreihsl oder Wolfgang Murnberger einen Film machen, dann ist immer deren Lebensrealität drin – als weiße Männer, hetero. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die schwul sind oder nicht, die Kinder haben oder nicht, die Frauen sind oder Männer, dass die ganze Bandbreite an Menschen Filme macht. Wie viele Filmemacher und Filmemacherinnen mit Integrationshintergrund haben wir denn? Oder die im Rollstuhl sitzen? Nicht viele. Darum geht's.


Wie ist es Ihnen gelungen, sich durchzusetzen und erfolgreich zu sein?

Das ist eine schwierige Frage. Ich kenne auch viele Männer, die nach den ersten zwei Filmen gesagt haben: Ich mag das nicht, mir ist der Stress zu viel. Und vor allem: Man wird immer kritisiert – damit muss man umgehen können, es nicht persönlich nehmen.

Wie schaut's aus mit Gleichberechtigung?

Ich habe den Gender-Report gelesen: Die Honorarunterschiede zwischen Männern und Frauen im Regie- und Drehbuchbereich sind gerade im Fernsehen groß. Und wir haben nach wie vor das Familienthema, das Kinderthema. Ich habe keine Kinder. Ich wüsste auch nicht, wie das gehen soll.


Wie stehen Sie zur #MeToo-Debatte?

Wie lang reden wir über das Thema? Und dann hat es so etwas gebraucht, dass es plötzlich durch alle Etagen ging und wir wussten: Da zittern jetzt die Hosenbeine diverser Vorstandsmitglieder, Chefs etc. Das hat manchmal eine gewisse Brutalität oder ist ungerecht, weil diese Emotionswelle drüberschwappt. Das führt aber letztlich dazu, dass das auf einer breiten Ebene diskutiert wird und man das Thema nicht mehr wegkriegt. Wie man damit nachhaltig arbeitet, das wird man sehen.


Haben Sie auch schlechte Erfahrungen?

Wer nicht? Ich kenne übrigens auch viele Männer, denen Heftiges passiert ist.

Zur Person

Elisabeth Scharang, geboren, 1969 in Bruck an der Mur, begann ihre Laufbahn beim ORF-Radio („Zickzack“, „Musicbox“), sie gestaltete TV-Reportagen und TV-Dokus (z. B. über die Mühl-Kommune), moderierte den „Club 2“. Auf FM4 moderiert sie regelmäßig das „FM4 Doppelzimmer“. Sie verfilmte u. a. das Theaterstück „Jedem das Seine“ von Silke Hassler und Peter Turrini („Vielleicht in einem anderen Leben“; 2011) und die Geschichte von Jack Unterweger („Jack“; 2015).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2018)