Als charmanter Filmbösewicht hat Christoph Waltz Starruhm erlangt. Als eloquenter Plauderer und Kavalier tourt er durch die TV-Shows.
Ein hingehauchter Handkuss für Sandra Bullock und einer für Mo'Nique, ein Händedruck mit Jeff Bridges und eine innige Umarmung mit Oprah Winfrey: Beschwingt und ohne Ermüdungserscheinungen schreitet Christoph Waltz auf die Bühne des Kodak Theatre, auf der er kürzlich die Goldstatuette im Empfang genommen hat, die auch jenseits der Filmwelt Glanz und Gloria verheißt. Wie in seiner Rolle als Nazi-Bösewicht in „Inglorious Basterds“ gibt Waltz den galanten Kavalier alter Schule, und hätte er mit der Gastgeberin noch einen Walzer gedreht, wäre das Klischee perfekt gewesen – und Hollywood hingerissen vom Charme aus „good old Europe“.
„Big O“, die Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey, hat die Oscar-Preisträger nach langen Partynächten kräftezehrendem Rummel der Oscar-Saison noch einmal ins Rampenlicht gerückt. Nur die große Gewinnerin des Abends fehlt: Kathryn Bigelow. Alle lassen die vergangenen Stunden Revue passieren. Wie in jedem Interview schimmert bei Waltz die Demut eines Schauspielers durch, der lange auf seinen Durchbruch gewartet hat und sein Glück immer noch nicht so recht glauben mag. Oder schwingt nicht doch ein wenig Koketterie mit?
Immerhin hat der 53-Jährige seit den Filmfestspielen in Cannes im vorigen Mai und der Kür zum besten Darsteller angesichts des Medienzirkus, der seinen spektakulären Aufstieg in den Filmolymp begleitet hat, eine beträchtliche Routine gesammelt. Im Laufe des monatelangen Preisreigens wuchsen seine Chancen mit jeder Auszeichnung. „Er hat alle Preise eingeheimst – bis auf die Goldmedaille im Curling“, witzelte ein US-Filmkritiker.
Wochenlang tingelte Waltz durch die Talkshows: Zunächst machte er in New York Station bei David Letterman und Charlie Rose, wo er als eloquenter Plauderer mit seinem polierten britischen Englisch und dem Tribut an seinen „Entdecker“ Quentin Tarantino eine glänzende Figur abgab. Inzwischen ist „Der Humpink“ – ein YouTube-Schnipsel aus Tagen, als Waltz ein Dasein als offenkundig unterbeschäftigter Schauspieler gefristet hat – im Internet zum Hit avanciert. Am Ende der schrägen Kabarettnummer, der Jimmy Kimmel in seiner TV-Show zu zusätzlicher Popularität verholfen hat, ist Waltz in einer Krachledernen von Schafen umringt.
Das Showbiz kann nicht genug von dem Wandlungsfähigen kriegen. Zu einer Arie mag er sich trotz fundierter Gesangsausbildung nicht hinreißen lassen, zu einer Italienisch-Persiflage allemal. Als Anti-Arnie aus Austria setzt Christoph Waltz einen Kontrapunkt zu Arnold Schwarzenegger. „Österreich müsste Ihnen zu Dank verpflichtet sein“, scherzte Jay Leno in seiner Talkshow. Waltz lässt das Kompliment im Raum stehen und erzählt eine Anekdote: „Meine Tochter hat sich eine Zeitlang mit dem Gruß ,Hasta la vista, Baby‘ verabschiedet.“
Leise, mit ausgesuchter Höflichkeit und subtilem Humor: So tritt das Kind aus einer Wiener Künstlerfamilie im US-Fernsehen auf. Von der Welt, die sich ihm jetzt erschließt, gerät er ins Schwärmen. Von den Stars, die ihm über den Weg laufen und die er aus der Ferne bewundert hat: Morgan Freeman, Robin Williams, Jodie Foster.
Von einer Vor-Oscar-Party bei Tarantino bei Pizza und Champagner – und von einer After-Show-Party bei Madonna. „Morgens um vier hat sie getanzt wie eine 24-Jährige.“
Auf einen Blick
■Was die Österreicher nicht sehen können: Wie beliebt Oscar-Gewinner Christoph Waltz in den USA ist. Er ist Gast in vielen Talkshows und macht damit indirekt auch Werbung für sein Geburtsland.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2010)