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Seelenweh und zerschnittene Ohren

Kritik Das Klangforum Wien bot zum Abschluss der Reihe „Zeit mit Ustwolskaja“ noch mehr widersetzliche, unerbittliche Musik.

Was sie ihren Kollegen raten würde? „Begabter und kürzer zu komponieren.“ Das sitzt: Nie hat sich Galina Ustwolskaja ein Blatt vor den Mund genommen und auch ihren einstigen Lehrer Dmitri Schostakowitsch nicht geschont, der ihr den Hof gemacht hat, musikalisch wie persönlich, indem er Zitate von ihr in seine Werke einbaute und schließlich um ihre Hand anhielt – selbstredend vergeblich. Sie fand seine Avancen lästig, seine Kompositionen deprimierend (!) und überschätzt: „Mit großer Mühe hielt ich die Konzerte durch, denn die Musik zerschnitt mir die Ohren, die Seele tat weh.“

Verblüffend, dass gerade dieser abschätzige Satz eine Hörerfahrung mit Ustwolskajas eigener, großer (und knapp gefasster) Musik beschreiben könnte. Zu den Mysterien, die sie umgeben, gehört auch ihr beständiges Leugnen, sie habe ihre Werke irgendwie religiös gemeint – und das bei Gebeten als Gesangs- oder Sprechtexte und bei Titeln wie „Dona nobis pacem“ oder „Amen“. In Salzburgs Ouverture spirituelle zum Thema „Passion“ passt Ustwolskajas Musik freilich gerade wegen dieser Widersetzlichkeit, ihrer Leidensgewalt und Ambivalenz.

 

Alpha und Omega ihres Stils

Zum Finale der „Zeit mit Ustwolskaja“ boten das gewohnt formidable Klangforum Wien und der Dirigent Ilan Volkov mit zwei frühen (1949/50) und zwei relativ späten Stücken (um 1980) eine Art Alpha und Omega ihres Stils, der sich freilich nicht fundamental gewandelt hat: insgesamt ein beeindruckender Abend, der allerdings nicht an die elektrisierende Hyperintensität der vorangegangenen Konzerte anschließen konnte. Bereits im Trio für Klarinette, Violine und Klavier, das sogar noch eine Nähe zu Schostakowitsch zeigt, kündigt sich vieles von dem an, was die Komponistin später ins Manische steigern sollte. Die Stimmen schreiten so fort, als würden sie einander den Rücken zukehren, der Klavierepilog ist düster, karg, reduziert. Und das Oktett, schon typisch abstrus besetzt mit zwei Oboen, vier Violinen, Pauken und Klavier, hält weitgehend einen starren Viertelrhythmus durch, der durch verschiedene Sätze und Tempi schlurft, schleicht oder stampft – mit unerbittlich knallenden Paukenschlägen am Ende.

Das setzte sich dreißig Jahre später in den Symphonien fort, etwa in der Zweiten („Wahre, ewige Seligkeit!“) für Bläser, Schlagzeug und ein Klavier, die mit Faustschlägen auf die Tastatur einsetzt. Evert Sooster schien als Sprecher bei seinen Anrufungen immer wieder einen Herzanfall zu mimen. Mochte man den Hall der Kollegienkirche in anderen Konzerten der Reihe mitunter allzu ausgiebig finden, hätte er dieser Aufführung vielleicht genützt: Im Mozarteum nämlich wirkte das Ganze allzu bemüht und nicht von ausreichender Spannung durchpulst. Eindringlicher dagegen die Fünfte, „Jesus Messias, errette uns!“, mit ihren starr wiederholten Motiven.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2018)