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Hinter Kino-Gittern geht's um Existenzielles

Degradierung steht hier auf der Tagesordnung: Die Gefangenen (u. a. Rami Malek, mit Brille) beobachten die Hinrichtung eines Mithäftlings.
Degradierung steht hier auf der Tagesordnung: Die Gefangenen (u. a. Rami Malek, mit Brille) beobachten die Hinrichtung eines Mithäftlings.(c) Constantin Film

Kritik In kaum einem Kinogenre treten die urtümlichen Triebkräfte des Menschen so deutlich hervor wie im Gefängnisfilm. Das zeigt auch der Klassiker „Papillon“, der nun in einer ungeahnt zärtlichen Neuauflage in die heimischen Kinos kommt.

Dass sich das altgediente Genre des Gefängnisfilms bis heute gehalten hat, verdankt es vor allem seiner Neigung zur Abstraktion. Hinter Kino-Gittern geht es nicht um Feinheiten, sondern um (vermeintliche) Essenzen des Daseins. Hierarchien und Machtverhältnisse, Spannungen zwischen Individuum und unguter Gesellschaft, urtümliche Triebkräfte wie Freiheitsdrang und Überlebenswillen, all das kann dort in einer entschlackten Deutlichkeit verhandelt werden, die anderen Leinwandgattungen nicht ansteht.

Einige Klassiker des Genres setzen daher auch formal auf radikalen Minimalismus: Etwa Robert Bressons knochentrockene Ausbruchsgeschichte „Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen“ – oder dessen dunkles Spiegelbild „Le trou“. In beiden Fällen herrscht Konzentration aufs Wesentliche: Bei der Ausführung des elaborierten Fluchtplans ebenso wie bei dessen Schilderung in Bild und Ton. Andere, wie Franklin J. Schaffners „Papillon“ aus dem Jahr 1973, holen weiter aus und malen mit satteren Farben – doch am Ende geht es um die gleichen existenziellen Themen.

Schaffers Film lebt von seinen Hauptdarstellern Steve McQueen und Dustin Hoffman, den authentischen Naturkulissen und der Aura einer wahren Geschichte: Er basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman des Langzeitsträflings Henri Charrière, der darin von seinen Erfahrungen auf einer berüchtigten Strafkolonie in Französisch-Guayana erzählt – inklusive Flucht. An der Faszination des Ausgangsmaterials hat sich nichts geändert; ob eine Neuverfilmung vonnöten war, ist dennoch strittig.

 

Der komische Kerl hat nichts zu lachen

So oder so läuft sie nun in den heimischen Kinos an – und bedient sich sowohl beim Ursprungsfilm als auch bei Charrières Buchvorlage. In den Hauptrollen leidet ein neues Gegensatzpaar: Charlie Hunnam, der zuletzt im Entdeckerdrama „The Lost City of Z“ unter Beweis gestellt hat, dass er mehr ist als ein raubeiniger Schönling, gibt den unschuldig verurteilten Tresorknacker Henri, während Rami Malek (bekannt aus der Hacker-Serie „Mr. Robot“ und bald im Freddy-Mercury-Biopic „Bohemian Rhapsody“ zu sehen) als schmächtiger, aber cleverer Fälscher Louis Dega in die Fußstapfen Hoffmans tritt.

Zu Beginn des Films werden die beiden auf die Îles du Salut deportiert, ein Kerkerarchipel vor der südamerikanischen Küste. Ein bisschen lässt Maleks Anblick in diesen Anfangsszenen an Buster Keaton denken – wegen seiner kantigen Visage, und weil er auf komische Weise aus der Masse seiner Mitgefangenen heraussticht. Zu lachen gibt es für seine Figur aber nichts. Auf den Inseln erwarten sie wie alle anderen nur Schikanen, Degradierungen und ein drastisch erhöhtes Todesrisiko. Louis kann von Glück reden, dass sich Henri (der wegen einer Schmetterlingstätowierung auf den Spitznamen „Papillon“ hört) als Leibwächter andient – zunächst nur, weil er an das Geld heranwill, das Louis in einer Rektalkapsel versteckt hat. Doch im Laufe ihres Aufenthalts entwickelt sich die Zweckgemeinschaft zusehends zu einer genuinen Freundschaft.

Diese stärkt moralisch, hilft, Rückschläge und Nöte jeglicher Façon (darunter auch gescheiterte Fluchtversuche) zu verwinden. In Details weicht das Remake vom Original ab, behält aber die meisten seiner Schlüsselsequenzen bei. Zu diesen zählt etwa das Martyrium Henris in ausgedehnter Einzelhaft – Hunnams Schmerzensmann-Performance reicht zwar nicht an jene McQueens heran, kann sich aber gleichfalls sehen lassen. Die Regie des Dänen Michael Noer, der sich in seiner Heimat mit dem Gefängnisdrama „R“ einen Namen machte, bleibt indessen relativ gesichtslos – abgesehen von einer gewissen Ruppigkeit in Sachen Kameraarbeit und Gewaltdarstellung. Die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren bildet bis zum Schluss die größte Stärke des neuen „Papillon“: Sie berührt zuweilen mit ungeahnter Zärtlichkeit.

GEFÄNGNISFILME

Filmgeschichte. Rebellen, die sich – durch Widerstand oder Flucht – gegen Entmenschlichung auflehnen: Das sind meist die Protagonisten im Gefängnisfilm, der in den 1930er Jahren zunächst als Subgenre des Gangsterfilms entstand – etwa mit Michael Curtiz' „20.000 Jahre in Sing Sing“. Durch das Aufzeigen entwürdigender Haftbedingungen wurde Gesellschaftskritik geübt, zur besseren Identifikation durch das Publikum waren die Helden oft unschuldig Verurteilte („Jagd auf James A.“, 1932; „Der Unbeugsame“, 1967; „Die Verurteilten“, 1994. Don Siegels „Flucht von Alcatraz“ mit Clint Eastwood (1979) beruht auf wahren Begebenheiten. Ab den 70er Jahren wandte sich der Gefängnisfilm in Richtung Action und Abenteuer, zeitgleich erschien zudem eine Welle von Exploitationfilmen, die in Frauengefängnissen spielten und auf Schockeffekte durch Sex und Gewalt setzten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2018)