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Pop

Blumen und Flüche mit Joan Baez

„The House of the Rising Sun“ fehlte so wenig wie „Sag mir, wo die Blumen sind“.
„The House of the Rising Sun“ fehlte so wenig wie „Sag mir, wo die Blumen sind“.APA/HERBERT PFARRHOFER
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Kritik Die Folksängerin und Ikone der politischen Hippiefraktion war wohl zum letzten Mal in Wien – mit Woodstock-Reminiszenzen und nur drei Bob-Dylan-Songs.

Jetzt war es also so weit. Die „Fare Thee Well“-Tournee von Joan Baez, dieser Ikone des Protestgesangs, machte in Wien halt. An zwei Abenden im Konzerthaus präsentierte sich die 78-jährige aus New York gebürtige Folksängerin so, wie man sie liebt. Kämpferisch, geschichtsbewusst und sich nie in die Untiefen eines Pathos verlierend. Eine Art Koloratursopran behübschte die tiefer gewordene Sangesstimme von Baez. Zwei Musiker, einer davon ihr Sohn, Gabriel, den sie zärtlich Gabe nannte, ergänzten die karge Folkgitarre mit allerlei klingendem Tand. Bald war es ein sensibles Solo auf der peruanischen Trommel Cajon, bald eine nachdenkliche Klavierpassage, bald ausgelassenes Banjo-Gefiedel. Doch die Ohren der Besucher konzentrierten sich erwartungsgemäß auf das, was aus dem Mund dieser ehemaligen Gefährtin von Bob Dylan kam. Und das war zunächst „There But for Fortune“, ein Song von Phil Ochs, der über verlorene Chancen grübelt. Baez machte ihn 1964 zum Erstaunen von Ochs zum Top-Ten-Hit in Großbritannien.

 

„Imagine“ mit viel Autorität

Seit fast 60Jahren stellt sich Joan Baez in den Dienst gesellschaftspolitischer Verbesserung. Dazu braucht es Mut und wohl auch eine gewisse Naivität. Beides hat sie immer noch. Niemand anderer kann John Lennons schon etwas seltsam riechende Weltverbesserungshymne „Imagine“ mit mehr Autorität interpretieren als Baez, die jahrzehntelang gegen Kriege und politische Ungeheuerlichkeiten angesungen hat. Überall mischte sie sich ein, alles wurde ihr Thema: der Vietnam-Krieg, die Bürgerrechtsbewegung, der Zusammenbruch des Kommunismus, der Irak-Krieg, der Bosnien-Krieg, die Menschenrechte in China und Burma.

Und. Und. Und jetzt Donald Trump, der Isolationist. Gegen ihn wetzte sie ein besonders altes, formschönes Messer, Woody Guthries „Deportee (Plane Wreck at Los Gatos)“. Immer wieder überraschte sie. Etwa, indem sie nur drei Dylan-Songs interpretierte, am innigsten davon „Seven Curses“ aus dem Jahr 1963: Was für ein stolzer Schwanengesang auf einen Todeskandidaten, der sich auf der richtigen Seite wähnt. Gut, dass sie auch Zeitgenössisches im Repertoire hatte. Von Antony Hegartys „Another World“ sagte sie, dass sie es wahnsinnig gern selbst komponiert hätte. Und schon tröpfelten schönste Wehklagen von ihren Lippen. „I need another world, this one's nearly gone. Still have too many dreams, never seen the light.“

Dann nahm sie uns mit auf den letzten Helikopterflug aufs Woodstock-Gelände, bevor dort der Sturm kam. Sie hat ihn einst mit Janis Joplin absolviert. Logischer Song danach: „Me And Bobby McGee“ von Kris Kristofferson, der sein Berufsleben als Helikopterpilot begonnen hat. Auch sonst ließ Baez ihre Hörer in Hippie-Reminiszenzen schwelgen. „The House of the Rising Sun“ fehlte so wenig wie „Sag mir, wo die Blumen sind“. Ihre Beine seien schon etwas müde, von den vielen Märschen, denen sie sich angeschlossen habe, sagte Baez. Und doch sang sie noch hingebungsvoll „The Boxer“ von Simon&Garfunkel. Und als letzte Zugabe „Donna Donna“, das alte Lied vom Kälbchen, das an die Schlachtbank geführt wird. Es ist aktuell wie immer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2018)