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Kann man geistliche Klänge von der Liturgie lösen?

Jordi Savall
Jordi Savallimago/CTK Photo
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Kritik Jubel für Victorias Musik zur Karwoche mit Jordi Savall in der Kollegienkirche und Bachs h-Moll-Messe mit Philippe Herreweghe in der Felsenreitschule: erlesene konzertante Annäherungen ans Sakrale bei der Ouverture spirituelle.

Wie eng ist die Sakralmusik des 16. und 17. Jahrhunderts ihrem eigentlichen Zweck verbunden? Lässt sie sich aus ihrem liturgischen Zusammenhang lösen – und was bedeutet das dann im Konzert? Solche Fragen kamen auf bei zwei Salzburger Abenden mit geistlichen Werken, die mit großem Gewinn, aber auch manchem Verlust erklangen.

Der Spanier Tomás Luis de Victoria gab 1585 in Rom eine Sammlung von Kompositionen für die Liturgie der Karwoche heraus – vor allem für die Tenebrae, die Trauermetten in den Nächten nach Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Dieses „Officium Hebdomadae Sanctae“ gilt als bedeutendes Zeugnis der geistlichen Vokalpolyphonie der Renaissance. Am Palmsonntag ist etwa die Matthäuspassion enthalten, gesetzt in strengem Wechsel zwischen der priesterlichen Rezitation des Evangelisten, den feierlichen solistischen Worten Jesu und der knapp gefassten Mehrstimmigkeit von Jüngern, Volk, Hohepriestern. Das spiegelt sich am Gründonnerstag im 50. Psalm in einer ähnlichen responsorialen Struktur.

Jordi Savall hat für den Solistenchor La Capella Reial de Catalunya und das Instrumentalensemble Hespèrion XXI eine Auswahl aus Victorias Kollektion getroffen; am Freitag ist der zweite Teil mit Musik zu Karfreitag und Karsamstag zu hören. Die musikalische Spannung eines zusammenhängenden Werks wollte sich am Dienstag aber nicht ohne Weiteres einstellen: Glanzstücke wie die Elevatio der Palmsonntagsmesse, bei der sich die sechs Stimmen zu öffnen scheinen wie die Blätter einer aufblühenden Blume, die wundersam nach oben ziehenden Harmonien am Beginn des genannten Psalms oder die Zugabe, ein Vorgriff auf das Vexilla regis des Karfreitags (nach Penderecki und Liszt schon der dritte wörtliche Gruß ans Kreuz in diesen Tagen!), stachen vereinzelt aus dem hervor, was eigentlich nur in der liturgischen Praxis seinen vollen Sinn entwickeln würde.

 

Texte trugen wenig zur Vertiefung bei

Außerdem, da doch Savall Collagen aus Musik und Text so liebt, rezitierte Michael König eingeschobene Verse und Gedanken zur Passion von Platon bis Rilke, von Dante bis zur Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, die insgesamt verblüffend wenig zur Vertiefung des Abends beitragen konnten.

Tags darauf Bachs h-Moll-Messe, höchstgeschätztes Denkmal der Barockmusik – und doch ein aus verschiedenen Schichten, Zeiten und sogar Stilen zusammengefügtes Werk, vielleicht überkonfessionell gedacht, vielleicht nur als eine Art Katalog zur Auswahl einzelner Sätze. Philippe Herreweghe gelang in der riesigen Felsenreitschule mit den überschaubaren, aber nicht überhörbaren Kräften des Collegium Vocale Gent eine exquisite Verbindung von Ernst und Leichtfüßigkeit, die man wohl echt „lutheranisch“ nennen darf ob ihrer Wortdeutlichkeit, Verinnerlichung und weihrauchlosen Transparenz. So sehr, dass man sich auf die Dauer etwas mehr katholisches Theater, strahlenderes Blattgold der Trompeten, überhaupt mehr himmlischen Überschwang gewünscht hätte – und den Verzicht auf eine Pause.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2018)