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Salzburger Festspiele – imperiales Gepränge und Rummelplatz

APA

Wie das Festival wurde, was es ist. Und wie es heute als Bühne für Politik, Gesellschaft, jedermann und jede Frau dient.

Der erste Propagandist Salzburgs war nicht Max Reinhardt, sondern Leopold Mozart. Sein Wunderkind Wolferl bereiste Europa, gemeinsam mit seiner Schwester Nannerl trat er 1762 auch im Machtzentrum der damaligen Welt, in Wien, auf. „Der Wolferl ist der Kaiserin (Maria Theresia) auf den Schoß gesprungen, hat sie um den Hals bekommen und rechtschaffen abgeküsst“, berichtete Leopold Mozart in einem Brief. Schon damals gingen Kunst und Geschäft Hand in Hand: Wolfgang und Nannerl verdienten mit ihrem Auftritt am kaiserlichen Hof 100 Golddukaten oder 450 Gulden, ein Pferd kostete damals 10, ein Reisewagen 60 Gulden.

Von Salzburg hat sich Wolfgang Amadeus Mozart später rabiat emanzipiert. Jedenfalls: Die Mozarts scheffelten mit ihrem Nachwuchs ein Vermögen. Böse Zungen behaupten, der Wolferl war ein Verschwender, das war der wahre Grund, dass er nur ein Armenbegräbnis bekam. In Milos Formans berühmtem „Amadeus“-Film präsentiert sich Mozart als verrücktes, sich selbst verzehrendes Genie – ein Kontrast zu dem würdigen Herren, der die Mozartkugel ziert. Max Reinhardt, der Gründer der Salzburger Festspiele, war ein anderer Mensch. Ein Romantiker, sein Bruder Edmund besorgte die Geschäfte, die sich, nicht zuletzt aufgrund des Hanges von Max zu verschwenderischen Ausstattungen, immer wieder am Rande des Zusammenbruchs fanden.

Heute Musik statt „unsterblichem Theater“

„Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theater. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende zu spielen.“ Dieser zentrale Satz Max Reinhardts wird gern zitiert, er verrät Schwärmerei und einen Hang zum Träumen. Die Salzburger Festspiele wurden gegründet in der Hoffnung, dass sich eine Katastrophe wie der I. Weltkrieg nicht wiederholen möge, dass die Humanität und die Kultur über Machtkämpfe und Zerstörungswut siegen. „Nie haben wir in Österreich mehr die Kunst geliebt als in jenen Jahren des Chaos, weil wir am Verrat des Geldes fühlten, dass nur das Ewige in uns das wirklich Beständige war“, schrieb Stefan Zweig 1919. Ein vergeblicher Appell, der II. Weltkrieg trieb auch die Festspielgründer auseinander, Hugo von Hofmannsthal, der Autor des „Jedermann“ und der Librettist vieler Opern von Richard Strauss, starb 1929 kurz vor dem Begräbnis seines Sohnes, der Selbstmord begangen hatte. Max Reinhardt starb 1943 im Exil in New York.

„Jüdisches“ Salzburg gegen Germanenhort Bayreuth

Zweig, den Hofmannsthal mit allerlei List und Intrigen bei Reinhardt, von den jungen Salzburger Festspielen fernzuhalten wusste, wählte 1942 mit im brasilianischen Exil den Freitod. Die Haltung von Richard Strauss (1864-1949) zum Dritten Reich wird kontrovers diskutiert, in den 1930er Jahren war er zwar Präsident der Reichsmusikkammer, aber er trat auch für jüdische Künstler ein, für Bruno Walter und Stefan Zweig, der ihm das Libretto für „Die schweigsame Frau“ schrieb. Die „jüdischen“ Salzburger Festspiele wurden jedenfalls im Nationalsozialismus durch den Wagner-Hort Bayreuth ersetzt – mit der Chefin am Grünen Hügel, Winifred Wagner, war Hitler persönlich befreundet. Bis heute vermag Bayreuth, so experimentell sich seine musikalisch glamourösen Festspiele auch geben, den Mief von altgermanischer Mythenpflege nicht ganz abzuschütteln.
Salzburg wirkt im Vergleich dazu licht, luftig, italienisch. Und die Mozartianer scheinen irgendwie von heitererem Gemüt zu sein als die Wagnerianer. Was macht Salzburg, was macht die Festspiele aus? Amerikaner (und sogar manche Engländer) lieben den herrlichen Kitsch von „Sound of Music“, das Musicals von Rodgers & Hammerstein wurde 1959 in New York uraufgeführt, das Rührstück von der Salzburger Trapp-Großfamilie, das 2015 spannend und um Wahrheit bemüht neu verfilmt wurde, blendet in die schweren 1930er Jahre zurück. Bis heute machen „Sound-of-Music“-Tours in Salzburg beste Geschäfte. US-Präsident Donald Trump ist ja leider nicht bei den Festspielen, vielleicht tut es ihm schon leid, sein sprunghaftes Auftreten würde gewiss für manche Schlagzeile sorgen. Die britische Premierministerin Theresa May ist ja mehr eine Vertreterin der „Stiff upper lip“.

Der Charme der Mozartstadt

Doch dem Charme von Salzburg, das seit Fürsterzbischofs Zeiten Übung im imperialen Gepränge hat, ist noch jeder erlegen. Eben weil es hier für Jedermann und jede Frau und jede Gesellschaftsklasse Vergnügungen gibt. Nicht zu vergessen, Salzburg ist eine alte Grenzstadt, Namen wie Itzling oder Parsch oder Wals-Siezenheim klingen bayrisch. Von den Bayern hat sich die Stadt, die eine gewisse Enge und Wehrhaftigkeit vermittelt, gleichzeitig aber auch weltoffen, freundlich, elegant wirkt und viel Grün hat, bereits im 14. Jahrhundert emanzipiert. Aus dem 30jährigen (Religions-)Krieg hielt Fürsterzbischof Paris von Lodron Salzburg mit kluger Neutralitätspolitik heraus. Etwas von der Tüchtigkeit, dem Ordnungssinn der deutschen Nachbarn ist den Salzburgern eigen – und (österreichische) Schläue, Geschmeidigkeit, das Höfische.

Appelle für Europa – in Salzburg

Zur heurigen Eröffnung wird wieder ganz besonders der europäische Geist beschworen. Zwischen Salzburg und der EU gibt es durchaus Parallelen, man lässt die Fremden und das Fremde zu, sofern es sich den örtlichen Gepflogenheiten anpasst. Idealismus und Friedensstiftung sind das Ursprungsziel der Festspielgründer gewesen, die an diesem Ort Kultus und Kunst, zwei durchaus zeitweise verfeindete Sphären, mit Hilfe einer gewissen Magie verbinden wollten. Heute kommt der Profit dazu, die Umwegrentabilität, die großen Summen, die mit den vergleichsweise bescheidenen Subventionen der Festspiele erwirtschaftet werden – zuletzt hatte das Festival sogar einen Überschuss. Auch die EU entwickelte sich aus einer Wirtschaftsgemeinschaft – und die Wirtschaft - Arbeitsplätze, Verdienstmöglichkeiten - ist nicht der schlechteste Ansatz, Frieden und Integration zu befördern.

(APA)

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