Wer Staatsgästen Mozart vorspielt, sollte die Kinder nicht vergessen

Die Salzburger Festspiele sind das ideale Podium zur Repräsentation des Ratsvorsitzenden Österreich. Was tun wir, damit das auch sicher so bleibt?

Das wirkt ganz selbstverständlich. Wo, wenn nicht im Rahmen der Salzburger Festspiele, sollte die österreichische Politik Hof halten? Noch dazu, wenn es darum geht, das Land in Zeiten des EU-Ratsvorsitzes von seiner besten Seite zu zeigen. Regierungschefs aus Tallinn und Prag bei der Festspieleröffnung, sogar die britische Premierministerin, Theresa May, hat sich angesagt, um rechtzeitig vor dem Brexit noch einmal Mozart im noch vollständig vereinten Europa hören zu können.

Ihre „eiserne“ Vorgängerin Margaret Thatcher war übrigens des Öfteren im Sommer zu Gast und hat, wenn man sich recht erinnert, stets darauf bestanden, ihre Eintrittskarten selbst zu bezahlen. Aber das nur am Rande. Wir dürfen nicht annehmen, dass die hohe Politik sich ernsthaft für die „Zauberflöte“ interessiert. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass sämtliche europäischen Würdenträger wissen, wer Mozart war. Immerhin.

Eben das ist unser größtes Potenzial. Bei Fußballweltmeisterschaften darf unsereins ja selten mitspielen. Aber dass wir hierzulande wissen, wie man Musik macht, ist notorisch. „Musikland“ heißt die Trademark, die uns vom Grau-in-Grau globalisierter Uniformität abhebt.

Allein, dass man einer Institution wie den Salzburger Festspielen zutraut, Oper, Theater und Konzert auf einem Niveau zu präsentieren, wie man es in solcher Ballung nirgendwo sonst serviert bekommt, spricht Bände. Es ist daher wahrscheinlich kein Zufall, dass ausgerechnet am Tag der Festspieleröffnung der Österreichische Musikrat Alarm schlägt. Er ist besorgt, weil das Bildungsministerium sämtliche Schulversuche an Volksschulen aufgelassen hat. Davon seien, so der Musikrat, bundesweit auch rund 8500 Schüler in 430 Klassen mit Musikschwerpunkt betroffen.

Die Nachricht sollte im „Musikland“ aufhorchen lassen. Und zwar gar nicht so sehr, weil jetzt plötzlich 8500 Kinder im Rahmen ihres Unterrichts nicht mehr singen und musizieren werden. Vielmehr sollten wir besorgt sein, dass die Zigtausenden anderen Volksschüler im Land offenbar schon vorher kaum je mit Musik konfrontiert wurden.

Es kann nämlich, so der Musikrat weiter, der einschlägige Unterricht in den Volksschulen längst nicht mehr flächendeckend stattfinden, weil es an den Pädagogischen Hochschulen an der musikalisch-fachspezifischen Ausbildung mangelt. Dass ein Volksschullehrer selbstverständlich ein Instrument spielen musste, war nur im vorsintflutlichen Österreich selbstverständlich. Problematisch scheint da weniger die Einstellung musikalischer Schulversuche, sondern mehr die Tatsache, dass solche überhaupt eingeführt werden mussten.

In einem „Kulturland“, das diesen Begriff nicht bloß als leere Worthülse im Wappenschild führt, sollte nicht nur musikalische, sondern im weiteren Sinn musische Bildung zu den zentralen Aufgaben der Schulen – nicht nur in den Volksschulklassen – gehören. Die Kanzlerpartei hat mit entsprechenden Ansagen im Wahlkampf sogar geworben.

Fragt sich nur, ob diesen Worten nun Taten folgen. Eher verfestigt sich ja der Eindruck, die Konservativen hielten in alter Tradition (wie unter Schüssel)ohnehin die SPÖ für einzig kultur- und bildungszuständig – und die Betrauung sozialistischer Funktionäre ohne einschlägige Kenntnisse mit Führungsposten im Kulturleben für ehrenwert.


Überzeugen könnte uns eine bildungspolitische Großinitiative: Nicht nur für ein paar Versuchsschüler, für alle Österreicher muss Unterricht in musischen Fächern selbstverständlich werden. Damit Kultur, mit der man nach außen im wahrsten Sinn des Wortes Staat machen kann, nicht zum Fremdwort wird. Das wäre ein Signal, das ein Ratsvorsitzender aussenden sollte, der Staatsgäste zur „Zauberflöte“ bittet: Wir nehmen musische Bildung ebenso wichtig wie die sogenannten Mint-Fächer. Zur europäischen Identitätsfindung in Zeiten, in denen nicht nur bei Festspieleröffnungen viel von abendländischen Werten die Rede ist, wäre das kein kleiner Beitrag. Und übrigens: Solang wir den diesbezüglichen Kompetenzvorsprung nicht verspielen, führen wir unseren Mozart zu Recht zu Höchstpreisen auf!

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2018)