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Energie, Diplomatie, Deals: Ein Europa, das versorgt

Im Energiesektor gibt es das freie Spiel der Marktkräfte kaum noch. Es braucht eine von eigenen Interessen geleitete EU-Politik.

Als Winston Churchill angesichts des Rüstungswettlaufs zwischen London und Berlin entschied, die britische Flotte von Kohle auf Diesel umzustellen, herrschte helle Aufregung im Kabinett. Der junge Politiker musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man doch genug Kohle in Wales habe, Erdöl aber importieren müsse.

Der Erste Weltkrieg führte zur Niederlage Deutschlands, aber auch des Osmanischen Reichs, das Teil der Achsenmächte war. Churchill beteiligte sich intensiv an der Umgestaltung der nahöstlichen Landkarte. Im Frühjahr 1920 wurde in San Remo ein Pipeline-Abkommen beschlossen, womit Erdöl von Mossul im britisch kontrollierten „Nord-Mesopotamien“ ins ebenfalls britische kontrollierte Palästina nach Haifa am Mittelmeer gebracht wurde.

Damit war der Anfang der nahöstlichen Erdölversorgung Europas gesetzt. Der Aufstieg des Automobils bedeutete den Abstieg von King Coal, denn Kohle war bis dahin der Antrieb für Schiffe und Eisenbahnen gewesen. Man nannte dies damals Agreement, heute fällt eher der Begriff Deal, der im amerikanischen Jargon viele Interpretationen zulässt.

 

Womit fahren wir zukünftig?

Dieser historische Exkurs dient als Einstieg in die Geopolitik rund um Erdöl und Erdgas genau ein Jahrhundert später. Erdgas wurde in den 1970er-Jahren bedeutsamer, denn infolge der Erdölpreiskrisen von 1973 und 1979, die beide Folgen nahöstlicher Kriege waren, und mit wachsendem Umweltbewusstsein wurde das „sauberere Erdgas“ für Stromgewinnung wichtiger. Der Transport blieb aber dank des erfolgreichen Verbrennungsmotors von Erdöl bestimmt – und ist dies bis heute.

Die Versuche, das Auto neu zu erfinden, intensivieren sich. Asiatische Konzerne sind den Europäern eine Nasenlänge voraus. Denn ob in Südkorea, Japan oder zunehmend in der Volksrepublik China: Die Zeichen stehen auf Elektroauto, Brennstoffzelle und Wasserstoff – oder vielleicht werden noch ganz andere Wege beschritten. Denn Forschung überrascht immer wieder.

Der Erdölmarkt erlebt so manche Turbulenz, die nicht immer klar einzuordnen ist. Das niedrige Preisniveau zwischen Sommer 2014 und Herbst 2017 – allen geopolitischen Wirren in wichtigen Produktions- und Transitländern zum Trotz – fußte auf einem Überangebot an Erdöl. Dies war die Folge des erfolgreichen Fracking von Schieferöl in Nordamerika.

Hinzu kam ein Knick in der Nachfrage. Langfristig könnten wir nicht mit dem lang diskutierten Peak Oil, also einer Angebotsspitze, sondern eventuell mit einem Einbruch der Nachfrage, einem Peak in Demand konfrontiert sein. Dies wissen viele Produzenten und wollen daher die oft beschworene Diversifizierung ihrer vom Erdölexport abhängigen Wirtschaft vorantreiben. Der Automobilmarkt wird diese Veränderungen stark mitgestalten.

Es ändern sich aber die Zeiten in vielfacher Hinsicht. Denn aus den traditionellen Importeuren von Öl und Gas, wie den Vereinigten Staaten, werden mit dem Aufstieg des Fracking, also des unkonventionellen Förderns von Schieferöl- und Gas, nunmehr Exporteure. Technische Umwälzungen haben den oft totgesagten fossilen Energiemarkt neu aufgemischt, dazu gehört auch die kostenintensive Verflüssigung von Erdgas, was neue Transportwege jenseits von Pipelines ermöglicht.

Die Abkürzung LNG steht für Liquified Natural Gas. Erdgas zu verflüssigen und damit per Schiff zur global handelbaren Ware zu machen schafft für den Produzenten enorme Vorteile.

 

Asiens Nachfrage nach LNG

Katar zählt seit 2005 zu den führenden LNG-Akteuren. Die riesigen LNG-Transporter, meist made in Korea, können kurzfristig den Kurs ändern, um ihre Ladung im Terminal des bestbietenden Kunden wieder regasifizieren zu lassen.

Europa war neben den USA lang der wichtigste Abnehmer von Öl und Gas. Doch bereits seit 2006 dreht die Nachfrage für nahöstliche Energie in Richtung Osten. Demografische und wirtschaftliche Gründe sprechen für den asiatischen Markt. Hier wurde auch in den vergangenen Jahren intensiv in die Errichtung von LNG-Terminals investiert, zumal chinesische Kunden für LNG mehr zahlen, als dies in Europa der Fall ist.

Zudem eignen sich die Küsten in vielen Regionen Chinas besser für die Terminals und Raffinerien, als dies vor allem entlang der Mittelmeerküsten in Europa der Fall ist. Hinzu kommt der Widerstand von Kommunen, solche Terminals errichten zu lassen. Dies gilt umso mehr, wenn eine direkte Konkurrenz zum Tourismus besteht.

Der Energiemix ist weltweit im Umbruch, doch der Anteil der fossilen Energieträger scheint dennoch weiter zu dominieren. Damit bleibt auch die geopolitische Dimension dieser Energieversorgung aufrecht.

 

Die Rolle der Konzerne

Die Fragen drehen sich nicht nur um Pipelines oder LNG, um Gas aus Nordamerika oder Russland, um Erdöl aus dem Arabischen Golf oder doch aus Offshore-Exploration in Afrika etc. Es geht immer wieder auch um die Rolle von Staaten und Konzernen, die teils privatwirtschaftlich, aber teils auch im staatlichen Interesse handeln.

Die ganz großen Energiekonzerne sind heute mehr im Osten als im Westen beheimatet. Das alles verändert die internationalen Beziehungen. Das asiatische Zeitalter hat im Energiesektor schon längst begonnen, was sogar die Währungskörbe verändert. Denn die Exklusivität des US-Dollar im Rohstoffhandel verliert teilweise an den chinesischen Renminbi.

Europa steckt dabei in einem Dilemma, das sich im Lichte so manchen Deals noch verstärken könnte. LNG-Terminals anstelle von Pipelines wie der russisch-deutschen Verbindung Nord Stream 2 werden immer mehr zum Politikum. Dieses Thema beherrschte neben den Militärausgaben den Nato-Gipfel am 12. Juli.

Anstatt im marktwirtschaftlichen Sinn Angebot und Nachfrage, Preisbildung und unternehmerische Entscheidungen zuzulassen, erleben wir derzeit wieder eine massive Einmischung der Politik. Das freie Spiel der Marktkräfte findet kaum statt.

 

Realpolitik statt Deals

Daher ist auch bezeichnend, dass die EU zur Abwendung eines Handelskriegs mit den USA bereit ist, mehr Flüssiggas zu importieren. Das Motto des österreichischen EU-Vorsitzes lautet: Ein Europa, das schützt. Dazu gehört auch die Sicherung des Wettbewerbsstandorts, hierfür ist eine selbstbestimmte, an Wirtschaftlichkeit orientierte Energieversorgung wesentlich.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen verwies in seiner Pressekonferenz mit Russlands Präsidenten Putin Anfang Juni auf den ökonomischen Aspekt. Denn noch ist die LNG-Versorgung um einiges teurer als jene mit Gaspipelines. Um nicht zum Sandwich zwischen den USA, Russland und China zu werden, ist eine von eigenen Interessen geleitete Außen- und Energiepolitik der EU hoch an der Zeit. Nicht Deals, sondern Realpolitik und die kluge Umsetzung von Strategien sind gefragt.

Die Autorin:

Karin Kneissl (* 1965 in Wien) studierte Jus und Arabistik in Wien. Sie war 1991/1992 Studentin an der ENA. 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst, danach Lehrtätigkeit und Publizistin zu den Schwerpunktthemen Naher Osten und Energiepolitik. Seit Dezember 2017 ist sie Bundesministerin für Europa, Integration und Äußeres.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2018)