Blanke Hintern, Rassismus, üble Lügen: In seiner aktuellen Sendung „Who is America?“ ermuntert Sacha Baron Cohen nicht nur Politiker zu blamablem Verhalten. In den US-Medien wird nun diskutiert: Darf man das (mit allen) machen?
Ein Mann lugt einer Burkaträgerin mittels Selfiestick unter den Rock – kurz bevor er das „N-Wort“ brüllt, die Hose herunterlässt und hüpfend einen Mann, der eine Waffe zückt, mit blankem Hintern bedroht: „I'll make you a homosexual!“ Eine junge Frau sitzt auf einem Klappstuhl und beantwortet ausgiebig Fragen zu einem humanitären Einsatz, bei dem sie nie war. Eine andere nimmt eine Schere, schneidet sich ein Schamhaar ab und hält es stolz in die Kamera – für die Kunst!
Dass „Who is America?“, der jüngste Streich des Komikers Sacha Baron Cohen, absonderliches menschliches Verhalten zutage fördern würde, war schon vor der Ausstrahlung zu erwarten gewesen: Nicht ohne Grund verschicken Politiker vor einer TV-Premiere panische Presseaussendungen, in der sie erwartete Blamagen durch Erklärungen zu entschärfen versuchen. Politische Wellen schlug die Sendung vergangene Woche dennoch. Jason Spencer, der Mann mit dem Selfie-Stick und dem blanken Hintern, hat als Abgeordneter des Repräsentantenhauses in Georgia seinen Rücktritt erklärt.
Signiertes Foltergerät. In der Sendung (bei uns auf Sky zu sehen) nimmt er an einem vermeintlichen Selbstverteidigungstraining teil, durchgeführt von einem israelischen Experten namens Erran Morad – darunter verbirgt sich ein mit Prothesen fast frankensteinesk verkleideter Cohen. Spencer ist nicht der einzige, der dieser Figur auf den Leim ging. „Morad“ gewann einige Politiker für seinen Plan, Vierjährige mit Schusswaffen auszustatten; vom Ex-US-Vizepräsidenten Dick Cheney ließ er sich ein „Waterboarding“-Foltergerät signieren: Der Plastikkanister lukrierte auf Ebay eine Spende von 8355 Dollar für Amnesty International.
Cohen nimmt noch viele weitere Identitäten an, um Leuten Befremdliches zu entlocken – oder schlicht ihre Geduld zu testen. Ein Konzept, das er seit seiner „Ali G Show“ perfektioniert hat. Mehr als die Frage, ob das nun lustig ist oder nicht, beschäftigt die US-Medien mittlerweile die, ob Cohens Methoden in Ordnung sind. Die „New York Times“ vergleicht ihn mit James O'Keefe, dem konservativen Polit-Aktivisten, der etwa im Vorjahr versucht hat, die „Washington Post“ mit falschen Geschichten zu füttern und dadurch bloßzustellen. In ihren Motiven unterscheiden sich die beiden, doch ihre Methoden seien ähnlich.
Zudem wird kritisiert, dass Cohen seine Spaßobjekte – vor allem wenn es keine Politiker, sondern einfach Leute sind – unter Druck setze, indem er ein Machtverhältnis ausnutzt: „Vanity Fair“ beschreibt, wie Reality-Sternchen Corinne Olympios das Treffen mit Cohen (verkleidet als italienischer Modebaron, der sie für eine Charity-Kampagne einspannen will) erlebte: Sie sei von ihrem Manager und Handy getrennt, am Verlassen des Sets gehindert, zu haarsträubenden Lügen gedrängt worden – das habe sie so nervös gemacht, dass sie hyperventilierte. Am Ende sei sie froh gewesen, dass alles „nur“ ein Scherz war. Cohen habe sie weniger reingelegt als ausgenutzt, argumentiert „Vanity Fair“ – nach einem Muster, das an Missbrauchsfälle in der Modeindustrie erinnere. Auch der „New Yorker“ moniert: „Die Machtdynamik hier ist völlig falsch.“
„Böse.“ Mittlerweile habe sich Olympios mit der Sache abgefunden, sie sei sogar „geehrt“, von Cohen reingelegt worden zu sein. Andere nehmen ihm das übel, wie die Republikanerin Sarah Palin, die noch vor dem Start der Sendung bekundete, von ihm in Gestalt eines behinderten Kriegsveteranen konfrontiert worden zu sein. Er habe sich ihr nie als Veteran vorgestellt, beteuerte Cohens fiktive Figur „Billy Wayne Ruddick Jr.“, ein rechter Verschwörungstheoretiker, der aus Bequemlichkeit in einer Art Elektromobil sitzt. Palins Auftritt wurde noch nicht in der Sendung gezeigt. Sie bezeichnet Cohens Humor als „böse, ausbeuterisch und krank“.
Und die Kunsthändlerin, die Cohen in Gestalt eines aufstrebenden Fäkalienkünstlers empfing und dessen Kunst nicht nur in doofem Kuratorensprech lobte, sondern ihm auch eine Spende für seinen „Schamhaarpinsel“ machte? Sie sah es lockerer. Cohen schulde ihr ein persönliches Treffen. „Und er soll ein Bild kaufen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2018)