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Pater Sporschill: „Schluss mit den frommen Sprüchen“

Pater Sporschill Schluss frommen
(c) Michaela Bruckberger
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Jesuitenpater Georg Sporschill, bekannt durch seine Arbeit für Straßenkinder, sieht in der Krise der katholischen Kirche nach den Missbrauchsfällen auch auch die Chance, "dass für das Neue ein Damm bricht."

„Die Presse“: Pater Sporschill, fragen Sie sich nicht angesichts der Flut an Missbrauchsvorwürfen gegen Priester der katholischen Kirche, in welcher Gesellschaft Sie sich befinden?

Georg Sporschill: Meine Pfarrei ist die Straße, da bin ich mit Missbrauch und Prostitution konfrontiert. Das ist bei Straßenkinder das tägliche Brot.

Aber doch nicht durch Priester.

Sporschill: Das ist der grenzenlose Skandal: Dass in der Institution, deren Gründungsurkunde sagt, das Kind ist in die Mitte zu stellen, Derartiges passiert. Das rüttelt an den Grundfesten der Kirche.


Auch an den Grundfesten Ihres Glaubens?

Sporschill: Nein. Es kommt jetzt eine größere Ehrlichkeit: Schluss mit frommen Sprüchen, Schluss mit Betulichkeit, Schluss mit Vortäuschung von Machtstrukturen, die keine mehr sind. Wir müssen die Orte in der Welt entdecken, wo das Heil passiert, und nicht glauben, wir produzieren es. Das ist die Lehre Jesu. Sehr viel wird jetzt zurückgestutzt auf die Realität, die es vorher auch schon gab. Dass das über die schrecklichen Fälle passieren musste . . .


Welche Realität meinen Sie?


Sporschill: Die Schwäche in der Erziehung, die Mutlosigkeit, die Fantasielosigkeit, Neues anzufangen die Ängstlichkeit, über etwas zu sprechen. Diese Feigheit, über Probleme zu reden, die fällt uns auf den Kopf. Positiv gesagt: Vielleicht lernen wir, realistisch zu reden, und dafür ist das wirkmächtiger und bewegt mehr. Wer kein Vertrauen zu den Menschen hat, wer keinen Mut hat, hat keinen Glauben. Ich verbinde mit diesem Reinigungsprozess die Hoffnung, dass wir wieder an Kraft gewinnen. Vorher stand doch schon einiges auf tönernen Beinen und war mehr Show als Realität. Tote Institutionen, leere Häuser, das behindert Fortschritt. Aus dem allen wird eine demütigere, eine bescheidenere Kirche werden.


Ist die katholische Kirche in ihrer heutigen Gestalt tot?

Sporschill: Wir sagen, wir leben aus dem Glauben. Aber wir haben weniger Mut als ein Wirtschaftsbetrieb. Wobei wir, wenn wir aus dem Glauben leben und nichts zu verlieren haben, eigentlich mehr Mut haben müssten. Dieser fehlende Mut führt zu einer Abkapselung und Problem- und Weltferne. Diese stickige Atmosphäre ist ein Biotop, in dem viel passieren kann. Mein Ausweg ist, aggressiv zu werden im Sinne von missionarisch zu werden, nicht noch mehr Angst zu haben.

Bischöfe vermitteln nicht eben den Eindruck, keine Angst zu haben. Hat da frischer Wind eine Chance?

Sporschill: Der kann nur erzwungen werden.


Von wem?

Sporschill: Von dem Läuterungsprozess.


Ist das nicht blauäugig?

Sporschill: Das Ärgernis ist, die Chancen, die man hat, nicht zu nützen. Jetzt werden uns die frommen Sprüche abgeräumt, jetzt wird manchem die Luft ausgelassen.


Was bleibt dann? Bleibt da noch etwas, das im 21. Jahrhundert trägt?

Sporschill: Ja. Ich glaube so sehr an die Kirche und vor allem an die biblische Botschaft, an Jesus, der radikal ist vor allem im sozialen Bereich und in der Begegnung mit allem Fremden. Das wird bleiben und das hat Bestand. Ich erlebe die Kirche begeistert bei Straßenkindern, bei jenen, die vielleicht ausgetreten sind und mit unglaublicher Großzügigkeit helfen. Wir müssen ganz radikal auf diese Seite treten und nicht feig sein, nur an Altem hängen – das ist keine Zukunft. Ich hoffe, dass jetzt auch für das Neue ein Damm bricht. Vielleicht wird im Zuge dieses Dammbruches der Pflichtzölibat aufgehoben, vielleicht kommt auch das Priestertum der Frauen. Das alles kann kommen, wenn der Deckel, der jetzt zerbricht, weg ist.


Unter Benedikt XVI.?

(c) Michaela Bruckberger

Sporschill: Der wird reagieren, nicht agieren. Die Initiative, die Revolution, muss immer von unten kommen. Dann erwacht in uns so ein Lebensmut, so ein Überlebenswille, dass wir wieder auf vernünftige Pfade kommen. Wenn wir Glück haben, werden die Bischöfe das akzeptieren und am Schluss sogar segnen. Ich nütze meine Narrenfreiheit. Ein Bischof hat keine Narrenfreiheit. Aber ein Bischof müsste Narren suchen, fördern. Wir haben keine Chance, wenn wir nicht Mutige, freche Hunde, rufen.


Derzeit ist doch eher Resignation statt Revolution zu bemerken. Wo ist denn da das Feuer?

Sporschill: Bei den Straßenkindern und denen, die ihnen helfen, ist dieses Feuer.


Sie haben jeden Tag mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die eine Sehnsucht nach Nähe haben. Wie gehen Sie damit um?

Sporschill: Ich wünsche mir, dass ich meine Unbefangenheit nicht verliere. Wenn ich es nicht mehr wage, ein Kind zu umarmen, kann ich die Arbeit aufgeben. Was Straßenkinder wollen, was im Grunde alle wollen, ist Gemeinschaft, Nähe, Umarmung, Emotion. Wenn das nicht mehr möglich ist, müssen wir zusperren. Das ist eine Gratwanderung.


Ist Ihnen manchmal, wie man gerne salopp sagt, die Hand ausgerutscht?

(c) Michaela Bruckberger

Sporschill: Nein, aber ich bin (bei der Arbeit mit obdachlosen Jugendlichen in Wien; Anm.) geschlagen, worden, da wehrt man sich. Aber wenn einer unserer Mitarbeiter schlägt, wird er entlassen.

Ist das vorgekommen?

Sporschill: Ganz selten.


Gab es Fälle sexuellen Missbrauchs?

Sporschill: Nein. Wir haben aber jetzt Ombudsstellen eingerichtet mit vollkommen unabhängigen Leuten.

Zur Person

Pater Georg Sporschill gründete 1992 die Hilfsorganisation „Concordia“, mit der er rund 1000 Waisen- und Straßenkinder in Rumänien und Moldawien betreut. Bei seinen Projekten sind rund 160 Mitarbeiter beschäftigt.

www. concordia.co.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20. 3. 2010)