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Daniel Ricciardo, Königsfigur im Transferschach

„Eine der härtesten Entscheidungen“: Sieben Grand Prix gewann Ricciardo mit Red Bull, nun geht er.
„Eine der härtesten Entscheidungen“: Sieben Grand Prix gewann Ricciardo mit Red Bull, nun geht er.REUTERS

Der zweifache Saisonsieger Daniel Ricciardo verlässt Red Bull und heuert bei Renault an. Die Franzosen wollen mit dem Topfahrer ihre WM-Ambitionen untermauern.

Milton Keynes/Enstone. Helmut Marko gibt sich unbesorgt. Der 75-jährige Steirer, Motorsportchef von Red Bull, sagt: „Für uns ist das kein Problem, wir haben genügend Alternativen. Das Telefon klingelt ununterbrochen.“ Tatsächlich hat der Abgang von Daniel Ricciardo ordentlich Schwung in das Fahrerkarussell der Formel 1 und damit auch in die Sommerpause (nächstes Rennen: 26. August in Belgien) gebracht. Und das relativ unerwartet.

Ricciardo, seit 2014 bei Red Bull Racing, wird nächste Saison im Renault Platz nehmen, das französische Werksteam hat den 29-jährigen Australier mit einem Zweijahresvertrag ausgestattet (von 2021 an gilt in der Formel 1 ein neues Motorenreglement). Es ist der spektakulärste Fahrerwechsel in Königsklasse seit Langem. Ricciardo erklärte: „Eine der härtesten Entscheidungen meiner Karriere. Aber es war Zeit für eine neue Herausforderung.“ Renaults Entwicklung seit der Übernahme des Lotus-Teams Ende 2015 hätten ihn zuversichtlich gestimmt. „Ich bin von ihren Fortschritten beeindruckt gewesen. Ich weiß: Immer, wenn Renault in diesem Sport engagiert war, haben sie schließlich auch gewonnen.“

Dennoch verblüfft der Wechsel auf den ersten Blick. Aktuell sind die Franzosen nur die Nummer vier (82 Punkte) in der Konstrukteur-WM, der Rückstand auf Platz drei und Red Bull (223) ist erheblich. Renaults Zielsetzung beim Neustart Anfang 2017 lautete, bis 2020 um den WM-Titel mitzufahren. Damals bot sich dank der Reglementänderungen eine gute Chance, gegenüber den Topteams aufzuholen. Heuer hat Renault, einst Motorenlieferant für die Red-Bull-Dominanz von Sebastian Vettel (2010–2013), vor allem mit den Reifen zu kämpfen.

 

Wer bekommt das Red-Bull-Cockpit?

Ricciardo hingegen hat in dieser Saison im Red Bull schon in China und Monaco gewonnen. In der aktuellen Fahrerwertung liegt er nach zwölf von 21 Rennen als bester Nicht-Mercedes- oder -Ferrari-Pilot auf Platz fünf. Auf dem Fahrermarkt war er daher heiß begehrt, auch weil sein Vertrag nur noch bis zum Ende dieser Saison gültig ist. Allerdings waren dem Australier, der 2008 ins Red-Bull-Juniorprogramm eingestiegen war, die attraktivsten Optionen weggebrochen. Mercedes setzt auch 2019 auf Lewis Hamilton und Valtteri Bottas, Ferrari vertraut Vettel. Die Scuderia muss sich dem Vernehmen nach nur noch entscheiden, ob sie weiter Kimi Räikkönen fahren lassen will oder Charles Leclerc von Sauber holt.

Bei Ricciardos neuem Rennstall, Renault, ist aktuell der Deutsche Nico Hülkenberg, die Nummer eins. Der 30-Jährige ist zur Saison 2017 zu Renault gewechselt und verfügt über einen langfristigen Vertrag. Für Ricciardo wird Carlos Sainz jr., eine Red-Bull-Leihgabe, weichen müssen. Der Spanier könnte mit Ricciardo Plätze tauschen und im nächsten Jahr wieder für die Österreicher um WM-Punkte fahren. Schon bei Toro Rosso gab er einst den Teamkollegen von Verstappen. Red-Bull-Teamchef Christian Horner hatte beim Österreich-Grand-Prix Anfang Juli in Spielberg mehrfach betont, dass man den 23-Jährigen unbedingt ein Cockpit für 2019 bieten wolle.

An Sainz soll aber auch McLaren interessiert sein, um den vor dem Abgang stehenden Ex-Weltmeister Fernando Alonso zu ersetzen. Denn während sich Red Bull am Ende dieser Saison im Streit von Renault als Motorenlieferant trennt und ab 2019 auf stärkere sowie zuverlässigere Aggregate von Honda hofft, wird McLaren seit dieser Saison wieder vom französischen Hersteller beliefert. Sainz wäre mit seiner Renault-Erfahrung wohl der ideale Mann für McLaren.

Zurück zu Ricciardo: Von Red Bull erhielt der als Frohnatur bekannte Fahrer die besten Empfehlungen. „Daniel war fast zehn Jahre, also fast seine gesamte Rennfahrerkarriere, bei uns und hat eine Veränderung gesucht“, meinte Motorsportchef Marko. 2011 hatte Ricciardo in einem HRT in der Formel 1 debütiert, danach fuhr er zwei Jahre für Toro Rosso. In seiner Red-Bull-Premierensaison 2014 stellte er ein ums andere Mal den vierfachen Weltmeister Vettel in den Schatten. „Wir respektieren Daniels Entscheidung“, erklärte Teamchef Horner. „Wir werden uns jetzt genau die Vielzahl an verfügbaren Optionen anschauen, bevor wir entscheiden, wer 2019 Teamkollege von Max Verstappen wird.“ (joe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2018)

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